140 Durch Nacht zum Licht.
Ein Wagen rollte ſchnell in den Hof des Palais. Es war Helene. Der Baronin ſchlug das Herz, als ob jetzt erſt die Entſcheidung ein⸗ trete. Ein paar bange Augenblicke und die ſchöne Tochter eilte, bleich und verſtört, in das Zimmer und warf ſich der Mutter mit einer Leidenſchaftlichkeit in die Arme, die gegen ihre ſonſtige gemeſſene, faſt kalte Haltung eigenthümlich abſtach.
„Gott ſei Dank, daß Du kommſt!“ ſagte Anna Maria;„ich muß fort; ich wollte Dich fragen, ob Du mich begleiten willſt?“
„Kannſt Du das fragen?“ rief Helene;„ich hier bleiben und ohne Dich? hier, wo mich die Mauern erdrücken!—“
„So biſt Du nicht gern hier, Helene?“
„Nein, nein! ich liebe den Fürſten nicht; ich habe ihn nie ge⸗ liebt!“
Und Helene verbarg ihr Geſicht an dem Buſen der Mutter.
Die Baronin war auf's höchſte überraſcht. Was Helene da ſagte und noch mehr, der Ton, in welchem ſie es ſagte, dazu ihr ſeltſam von Leidenſchaft durchglühtes Weſen gaben ihr einen nie ge⸗ ahnten Einblick in das Herz des jungen Mädchens. Sie hatte ein dunkles Gefühl davon, daß ihr große weite Regionen des Lebens bisher gänzlich verborgen geblieben waren, und daß ſie, trotz all der Klugheit, auf die ſie ſich ſo viel zu Gute that, bisher im Dunkeln getappt hatte.
„Warum haſt Du ihm denn Dein Wort gegeben?“ fragte ſie.
„Ich weiß es nicht; ich war— ich wußte nicht, was ich that. Aber jetzt weiß ich es; ich kann den Fürſten nicht heirathen; ich muß mein Wort zurück haben; wenn Du darauf beſtehſt, daß ich es halte, ſo muß ich ſterben.“
„Und wenn ich nun nicht darauf beſtehe?“
Die Reihe, in Erſtaunen zu gerathen, war jetzt an Helenen; ſie ſah die Baronin mit verwunderten Angen an.
„Was ich Dir ſage, mein Kind. Ich habe heute Morgen Ent⸗ deckungen gemacht, die mich, milde geſprochen, ſehr ſtutzig gemacht und mir die Ueberzeugung eingeflößt haben, daß wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorſicht zu Werke gegangen ſind, der ſich möglicherweiſe ſehr ſchwer hätte rächen können.“


