Dritter Band. 139
Sie fuhr in die Höhe und ſtarrte die Baronin mit verſtörten Blicken an Gleich darauf ſank ſie auf's Neue bewußtlos in den Stuhl zu⸗ rück. Da kam Nadeska mit ein paar ruſſiſchen Mägden. Der Kam⸗ merfrau ſchien ſehr viel daran gelegen, die Baronin zu entfernen. „Die Fürſtin hat oft dieſe Anfälle,“ ſagte ſie in ihrer glatten, demüthigen Weiſe, während die Dienerinnen die Ohnmächtige auf⸗ hoben und in ihr Schlafgemach trugen.„Sie muß dann ganz allein ſein; die Nähe jeder fremden Perſon verſchlimmert ihren Zuſtand.“ „Ich werde nicht ſtören, meine Liebe,“ ſagte die Baronin kalt, „um ſo weniger, als ich noch in dieſer Stunde abreiſen muß. Ich werde mich ſchriftlich bei Ihrer Durchlaucht entſchuldigen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte Nadeska;„weiß die auch ſchon mehr, als ſie wiſſen dürfte?“ Die Baronin begab ſich in einer unbeſchreiblichen Aufregung in ihre Gemächer zurück. Was hatte ſie geſehen! was gehört! der wahn⸗ ſinnige Anblick des Fürſten, die wildverworrenen Reden der Fürſtin, das verdächtige Benehmen der Kammerfrau, die offenbar in dieſem Familiendrama hinter den Couliſſen nur zu gut Beſcheid wußte— was ſollte ſie denken? was ſagen? was thun?... Es war vielleicht das erſte Mal in ihrem Leben, daß dieſe kluge und energiſche Frau vollſtändig rathlos war. Aber ſank nicht der Boden unter ihren Füßen? brach nicht wie morſches Rohr zuſammen, was ſie für ſtolze unzerſtörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten? Der Fürſt ein Baſtard! ein jahrelang mühſam verborgen gehaltenes Familiengeheimniß der ſchimpflichſten Entdeckung nahe! und in ihrem eigenen Hauſe, ſtand es denn da beſſer? ihr Sohn, der rechtmäßige Erbe des Vermögens, zum Tode erkrankt— der illegitime Sproß des Vorgängers in der Herrſchaft aus der Verſchollenheit auftauchend, in der Rechten ein Teſtament, das ihn zum Herrn des Vermögens machte, welches die Baronin ſeit ihrer Verheirathung als das ihrige angeſehen hatte! Wo ein Ausweg aus dieſem Labyrinth? Und was würde Helene zu dem Allen ſagen? wie würde ihr Stolz ſich winden, wenn ſie erfuhr, daß der Diamantenſchmuck des fürſtlichen Ranges nichts war, als ſchnödes ſchlechtes Glas, mit dem zu ſchmücken, eine Courtiſane ſich wohl bedacht hätte?


