138 Durch Nacht zum Licht.
blicks entb and von den ſtrengen Vorſchriften der Etiquette und hatte ſie doch die Fürſtin geſtern Abend gebeten, zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen!
So verließ denn Anna Marie ihr Zimmer und ſchritt eilig über die Corridore und durch die Vorzimmer, als plötzlich die Thür, die zu dem Gemach der Fürſtin führte, auſgeriſſen wurde, der Fürſt, offenbar in der fürchterlichſten Aufregung, herausſtürzte und, ohne ein Wort mit ihr zu ſprechen, weiter eilte.
„Das iſt doch ſeltſam;“ ſagte die Baronin. Da wurde die Thür wieder aufgeriſſen, Nadeska kam eilends mit verſtörtem Geſicht heraus.
„Wo iſt die Fürſtin?“ fragte die Baronin.
„Drinnen. Sie iſt krank; es kommt Niemand auf mein Klingeln. Ich wollte eben die Leute holen.“
„Thun Sie das,“ ſagte die Baronin,„ich will unterdeſſen bei ihrer Durchlaucht bleiben.“
Nadeska ſchien dies Arrangement keineswegs zu gefallen, aber ſie hatte keinen Grund, der Baronin den Zutritt zu verweigern. Sie eilte fort, während Anna Marie in die roſenrothe Dämmerung von der Fürſtin Gemach trat.
Dieſe lag noch in ihrem Lehnſtuhl am Kamin. Die halbge⸗ ſchloſſenen Augen und die krampfhaft zuckenden Finger zeigten, daß der umnachtete Geiſt noch immer vergebens nach Bewußtſein rang.
„Schaff mir meinen Sohn zurück, Nadeska,“ murmelte ſie;„er ſoll nicht mit dem Hercules ringen: der Vater iſt ſtärker, wie der Sohn. Siehſt Du, ſiehſt Du, wie er ihn um den Leib packt und in die Höhe hebt, jetzt wird er ihn zu Boden ſchleudern, hier gerade zu meinen Füßen, da, da—“
Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe, in die ſich gräßliches Lachen miſchte. Zwiſchendurch phantaſirte ſie:
„Laßt es nur den Grafen nicht wiſſen; der Graf ſag'ts der Baronin, die Baronin ſagt's der ſchönen Tochter und hernach will die ſchöne Tochter den Seiltänzerſohn nicht Da kommt er ſchon mit dem zerſchmetterten Kopfe—“
Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Bruſt der Gemarterten.
„—


