Durch Nacht zum Licht.
„Wo iſt die Mutter?“ fragte er plötzlich.
„Sie iſt auf ihr Zimmer gegangen.“
„Und Dein— und der Fürſt?“
„Ich habe ihn gebeten, ein wenig ſpazieren zu gehen.“
„Lege meinen Kopf ein wenig höher! ſo! und gieb mir Deine beiden Hände!“
Der Kranke ſchwieg ein paar Augenblicke, dann ſprach er mit großer Klarheit nund Entſchiedenheit; daß man deutlich ſah, er hatte, was er jetzt ſagte, lange mit ſich herumgetragen und oft in ſeinem alten ſchwachen Kopfe überdacht:.
„Mein liebes Kind! Reich ſein iſt wohl ein gutes Ding, wenn der, welcher reich iſt, auch ein gutes Herz hat; aber ich glaube, es iſt ſehr ſchwer, daß ſich Eines zum Andern findet, oder Eines bei dem Andern bleibt. Und Klugſein iſt wohl auch ein gutes Ding, aber ohne Gutſein iſt's gar wenig nütze.
„Sieh, liebes Kind, Deine Mutter und ich, wir haben achtzehn Jahre zuſammengelebt und ich habe Deine Mutter nächſt Gott immer am meiſten geliebt und geehrt; ich glaube auch, daß ſie ſich Mühe gegeben hat, mich wieder zu lieben und lege es ihr nicht zur Laſt, daß— es ihr nicht gelungen iſt. Nein, nicht ihr; nur mir ſelbſt. Ich hätte mir eine Frau nehmen ſollen, die dem Alter nach und auch ſonſt mehr für mich paßte, aber ich war eitel und hoffärtig und wollte eine ſchöne, ſtattliche, kluge Frau, welche die Leute bewunder⸗ ten, und Deine Mutter war ſchön; ſtattlich und klug; viel zu ſchön und zu klug für mich, der ich ein unbedeutender, einfacher Menſch bin und mich nie recht auf die Welt verſtanden habe. So fühlte ich denn wohl immer im Stillen, daß ich nicht der Mann war, Deine Mutter glücklich zu machen; aber ſie hat es mich eigentlich niemals merken laſſen, als in dieſer letzten Zeit.“
Der alte Mann ſenkte traurig ſein graues Haupt und wiederholte:
„In dieſer letzten Zeit, wo ſie Dich mit Deinem Couſin Felir verheirathen wollte, und ich nicht Ja und Amen dazu ſagen konnte, Da habe ich es wohl herausgefunden, daß wir in den wichtigſten und heiligſten Dingen ſo ganz verſchieden dachten und fühlten, und ob ich im Rechte war oder ſie— darauf kommt es hier nicht an—


