Zweiter Band. 201
miſchte mit kunſtgerechter Hand den Grog, knöpfte ſeine ſchwarze Weſte auf, lehnte ſich in den Stuhl zurück und ſprach:
„Ich war nicht immer in Grünwald und nicht immer Küſter in St. Brigitten.“
„Weiß! die Reſidenz hat die unbeſtrittene Ehre, Dich den ihren zu nennen, und weſſen Küſter Du geweſen biſt, ehe Du Küſter an St. Brigitten wurdeſt, wird der Teufel wohl am Beſten wiſſen.“
Tobias Gutherz ſchien dies für ein großes Compliment zu neh⸗ men. Er lächelte vergnügt in ſich hinein und ſchlürfte behaglich ſeinen Grog.
„Nicht ſo grob, Albertchen,“ ſagte er,„ſonſt erzähle ich nicht weiter. Mein Vater war Bedienter, und ich wurde von der zarteſten Jugend auf zu demſelben Berufe beſtimmt. Wie groß mein Talent in dieſer Beziehung war, magſt Du daraus entnehmen, daß ich, als ich kaum zwanzig Sommer zählte, mindeſtens ſchon ein Dutzend Herren gehabt hatte. Um dieſe Zeit kam mir der Gedanke, endlich einmal mein eigener Herr zu ſein und da ich mir während meiner Dienſtzeit ein nicht unerkleckliches Sümmchen geſpart hatte“— hier lächelte Ehren Tobias mit dem linken Auge und dem linken Winkel ſeines Mundes— „beſaß ich Capital genug, um eine kleine Wirthſchaft anzufangen.“
„Mag auch ne ſchöne Wirthſchaft geweſen ſein,“ meinte Albert.
„Allerdings!“ ſagte Tobias, indem er noch ein Stück Zucker in ſeinen Grog that;„zum mindeſten war in meiner Wirthſchaft das
höne Geſchlecht ſehr zahlreich vertreten. Da ich das Princip hatte, Ar weibliche Bedienung in meinem Local zu haben und das„Café
utherz“ immer ſtark frequentirt wurde, ſo hatte ich faſt ſechs bis acht junge Damen, welche die Honneurs machten, bei mir.“
Albert Timm ſchien dieſe ſtatiſtiſche Notiz ſehr großes Vergnügen zu bereiten. Er lehnte ſich in ſeine Ecke zurück und brach in ein ſchallendes Gelächter aus, während Ehren Tobias wiederum nur lächelte— diesmal zur Abwechſelung mit dem rechten Auge und dem rechten Mundwinkel.
„St! ſt! Albertchen,“ ſagte er,„die Leute hören es auf der Straße. Wie kann ein kluger Jüngling, wie Du, ſo unvorſichtig laut lachen; ich habe mein ganzes Leben lang immer nur gelächelt und


