194 Durch Nacht zum Licht.
Menſchen auf Tritt und Schritt belauern.“ Oswald zuckte die Achſeln.„Und wovon leben in Paris?“ Emilie machte ein langes Geſicht; im nächſten Moment aber lachte ſie ſchon wieder und rief: „das findet ſich, wenn wir nur erſt fort wären.“
Das Verlangen, aus Grünwald, wo in der That ihr Verhältniß jeden Augenblick der Gefahr einer für Beide gefährlichen Entdeckung ausgeſetzt war, wegzukommen, war in der letzten Zeit bei Emilie zu einer fixen Idee geworden, auf die ſie bei jeder Gelegenheit zurückkam. Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zügen ungeſtört genießen und ſich nicht jede halbe Stunde verſtohlenen Zuſammenſeins durch tage⸗ lange Sorge und Angſt gewinnen. Bis jetzt hatten ſie ihre Rendez⸗ vous entweder in Primula's Boudoir oder drüben in Fährdorf bei Emiliens alter Amme, der Frau Lemberg, gehabt, wohin jetzt, da die Meerenge zwiſchen der Inſel und dem Feſtlande mit dickem Eis be⸗ deckt war, die Ueberfahrt keine Schwierigkeit hatte. Primula war in das Verhältniß eingeweiht, nachdem Emiliens Unbedachtheit eine lächer⸗ liche Entdeckungsſcene herbeigeführt, und es war charakteriſtiſch für die Dichterin der Kornblumen, daß ſie, nachdem ihre erſte eiferſüchtige Regung glücklich vorüber war, dieſen„Liebesbund“ ausnehmend romantiſch, die Liebenden in ihrer Hülfloſigkeit, gegenüber einer„kalten, liebloſen Welt,“ höchſt bejammernswerth und ſich ſelbſt als Be⸗ ſchützerin ſo„herviſcher Leidenſchaft“ vollkommen bewunderungswürdig fand. Sie faſelte ſich immer tiefer in dieſe ſchöne Rolle hinein und die Abonnenten der„Zeitloſen,“ in deren„Album“ Primula Veris ihre Gedichte ſchrieb, bekamen jetzt von nichts weiter als von„licht⸗ ſcheu krummen Liebesfaden, geheimer Liebe ſtill verſchwiegenem Thun und vor allem von„des treuen Bundes keuſcher Wächterin“ zu leſen, unter welcher letzteren Bezeichnung man, wie es in einem der folgen⸗ den Strophen ausdrücklich hieß, nicht etwa an„den Mond, den kalten Geſellen“ zu denken hatte.
Auch Primula war durchaus für Emiliens Plan:„Flieht, meine Freunde,“ ſagte ſie,„flieht unter einen milderen Himmel als dieſen rauhen kimmeriſchen, der nur über wilden Kyklopen und ſeelenloſen Ichthyophagen graut. In Schnee und Eis will ſelbſt die blaue Cyane nicht gedeihen, geſchweige denn der wilden Liebe rothe Roſe.“


