Zweiter Band. 193 ſagen mit klingendem Spiel— in's feindliche Lager übergegangen und wirkliches Mitglied des lyriſchen Kränzchens geworden, das unter Frau Profeſſor Jägers ſpecieller Oberleitung ſchnell zu einem Glanz herangewachſen war, der das ſeit zehn Jahren beſtehende Kränzchen der Dramatiker bereits vollſtändig verdunkelte. Gewiß, wenn Oswald auch nur das Bewußtſein dieſer Greuelthat auf dem Gewiſſen hatte, ſo wäre die Wolke düſteren Unmuths, die beſtändig über ſeinen Augenbrauen hing, nur zu erklärlich geweſen.
Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten, als dieſe Treu⸗ loſigkeit. Sein Verhältniß mit der jungen Frau von Cloten, in das er ſich aus Laune, halb und halb aus wirklicher Neigung ſo Hals über Kopf geſtürzt hatte, fing an, auf ſeiner Seele mit bleiernem Gewicht zu laſten, um ſo mehr, als die leidenſchaftlich unbeſonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimniß zu verrathen drohte. Emilie hielt ſich kaum Oswalds Liebe verſichert, als ſie der ganzen Welt den Handſchuh hinwerfen zu dürfen glaubte.„Dich zu lieben, von Dir geliebt zu werden, iſt mein einziger Wunſch und Wille— alles Andere iſt mir gleichgiltig;“ ſo ſagte ſie und danach handelte ſie. Sollte ſie jetzt, wo ihr Herz zum erſten Male wußte, was es wollte, ihre ausſchweifenden Wünſche zügeln? Und ſie liebte Oswald mit der ganzen Gluth eines überaus zärtlichen, liebeglühenden Herzens, und mit der ganzen Rückſichtsloſigkeit einer Frau, welche die Welt ſtets nur als einen Spielball ihrer ſouverainen Willkür betrachtet hat. Vergebens, daß Oswald ſie an die Pflichten ſeiner Stellung, an die äußere Beſchränktheit ſeiner ganzen Lage erinnerte.„Ich begreife nicht, wie Du zwiſchen der Langweile, Deine Buben zu unterrichten und dem Vergnügen, das wir Einer in des Andern Geſellſchaft haben, noch wählen kannſt; laß doch die alte dumme Schule ſein und lebe für mich.“—„Aber, liebes Kind, ich lebe jetzt ſchon beinahe nur für Dich und wenn das noch eine Zeit ſo fortgeht, wird mein Director nicht nur nichts dagegen haben, ſondern ſelbſt den Wunſch ausſprechen, daß ich ausſchließlich für Dich lebe.“—„O, das wäre zu herrlich,“ rief Emilie, in die Hände klatſchend;„dann führen wir meinen Lieb⸗ lingswunſch aus und gehen nach Paris, wo uns nicht ſo viele alberne Fr. Spielhagen's Werke. XI. 13


