Zweiter Band. 49
ihrer Tochter zu verſöhnen, die mindeſtens ebenſoviel und vielleicht mehr Ausſicht habe, als eine andere junge Dame, Fürſtin von Wal⸗ dernberg⸗Malikowsky, Gräfin von Letbus zu werden.
Drittes Capitel.
Ein Mann, der ſich in wenigen Wochen verheirathen will, pflegt, auch in den gewöhnlichen Verhältniſſen, einen ziemlich ſchweren Stand zu haben, wenn er über ſeinen Berufspflichten nicht ſeine Bräutigamspflichten oder umgekehrt dieſe über jenen vernach⸗ läſſigen ſoll. Aber bei Franz war dies Dilemma, das ſchon für manche unlösbar iſt, noch der leichteſte Theil ſeiner Aufgabe, trotzdem er als einer der Verkreter des Geheimraths in ſeiner ärztlichen Praxis (einen andern Theil hatte ein Collegen übernommen) während der nächſten Wochen vollauf zu thun. Schwerer aber als ſeine Berufs⸗ geſchäfte laſtete auf ihm die Ordnung der Geſchäftsverhältniſſe ſeines Schwiegervaters, die äußerſt verwickelter Natur waren. Es ſtellte ſich nach und nach heraus, daß die Schulden des Geheimraths keines⸗ wegs ſo bedeutend ſein würden, wenn es möglich wäre, das Geld, welches er überall ausſtehen hatte, wieder zu bekommen. Aber darauf war in den wenigſten Fällen zu rechnen. Die Schuldner des Ge⸗ heimraths wohnten meiſtens in Dachkammern und Kellerwohnungen; es waren Krüppel und Lahme, mit Gebrechen aller Art Behaftete, ſehr häufig Waiſen und Wittwen; nicht minder häufig aber auch ſchlechte Subjecte, welche die wohlbekannte Liberalität des Geheimraths auf ſchnöde Weiſe gemißbraucht hatten. Welche unerhörte und ach! ſo vergebliche Anſtrengungen hatte dieſer Mann gemacht, das Da⸗ naidenfaß des Proletariats zu füllen! mit welchem Eifer ſich zum armen Manne gemacht, um die Armuth rings um ſich her zu ver⸗ tilgen, dem fabelhaften Pelikane gleich, der ſeine Jungen mit dem eigenen Blute ätzt! In welche Verlegenheiten hatte er ſich geſtürzt, um Andere aus der Verlegenheit zu reißen! wie oft ſich um den
Fr. Spielhagen's Werke. Kl. 4
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