32 Durch Nacht zum Licht.
Zeit, ein dunkles Gefühl davon, daß ſeine hoch moraliſche Gattin eigentlich ein ſehr ſchlechtes Herz habe, und er ſeufzte tief. Es iſt bitter, am Spätabend ſeines Lebens einer Illuſion entſagen zu müſſen, mit der man ſich ein Vierteljahrhundert lang getragen hat.
Er verfiel in ein ſtilles Brüten. Was ihn beſchäftigte, zeigten die Worte an, in die er nach einigen Minuten, während deren Anna Marie mit nervöſer Haſt ſchweigend geſtickt hatte, ausbrach:
„Sei wenigſtens gut gegen ſie, wenn ſie heute Morgen uns zu beſuchen kommt.“
„Ich habe noch ſtets gewußt, was ich zu thun hatte,“ antwortete die Baronin, von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend;„ich werde es auch in dieſem Falle wiſſen.“
Der Baron mochte durch dieſe Verſicherung innerlichſt noch nicht ganz beruhigt ſein. Aber bevor er für ſeine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte, öffnete der Bediente die Thür und meldete:
„Herr und Frau von Barnewitz.“
Alsbald traten auch die Genannten in das Zimmer.
Herr von Barnewitz und Gemahlin waren erſt ſeit geſtern in der Stadt. Herr von Barnewitz war ein großer Jäger vor dem Herrn und trennte ſich nur ungern von ſeinen Hunden und Pferden. Er war ſeit dem Beginn der Jagdzeit nicht viel in's Zimmer gekommen und auf ſeiner ganzen Erſcheinung lag noch der Duft der letzten Fuchshetze. Seine Schultern und ſein rother Bart erſchienen noch breiter und ſeine Stimme klang noch lauter und heiſerer wie gewöhn⸗ lich. Hortenſe von Barnewitz dagegen war noch um eine Schattirung blaſſer und blonder, als im Sommer, und ſah um ein Bedeuten⸗ des fatiguirter und gelangweilter aus. Ihre Lippen waren dünner, und ihre blaue Augen ſtechender geworden. Offenbar fing ſie an, das Leben, Alles in Allem, unerſprießlich zu finden, beſonders ſeit geſtern Abend, wo man ſie auf dem Ball bei Griebens über jugend⸗ licheren und ſchöneren Erſcheinungen arg vernachläſſigt hatte.
„Haben wir endlich das Vergnügen?“ ſagte Anna Marie, mit dem ſtereothpen huldvollen Lächeln, das ſie für ſolche Gelegenheiten ſtets bereit hatte, den Eintretenden ein paar Schritte entgegengehend. „Ganz auf unſerer Seite, gnäd'ge Frau!“ rief der Fuchsjäger,


