Zweiter Band. 29
hatte, ehe der Beſuch kam, zwiſchen ihnen eine jener Scenen ſtatt⸗ gefunden, die in regelrechten Familiendramen nicht ungewöhnlich ſind, und es handelte ſich jetzt blos darum, wer von Beiden zuerſt den unterbrochenen Dialog wieder aufnehmen würde.
In früheren Tagen wäre däs offenbar die Sache der kampf⸗ luſtigen, ſiegesgewiſſen Anna Marie geweſen. Merkwürdigerweiſe aber ſchienen die Gatten in jüngſter Zeit ihre Rollen ausgetauſcht zu haben. Seit Bruno's Tod und Helenens Entfernung aus dem elterlichen Hauſe war der Baron wie umgewandelt. Der ſonſt ſo gutmüthige, friedfertige, nachgiebige Mann war empfindlich, mürriſch, rechthaberiſch geworden. Dieſe Veränderung mochte zum Theil eine Folge ſeiner Kränklichkeit und Hinfälligkeit ſein, die in den letzten Wochen bedenklich zugenommen hatten; manchmal aber ſchien es faſt, als ob die Urſache noch tiefer läge, als ob die jüngſten Ereigniſſe den alten Herrn aus ſeiner Lethargie aufgerüttelt und ihm verſchiedene Dinge und Perſonen in einem andern Licht gezeigt hätten, als in welchem er ſie ſo lange Jahre geſehen hatte. Er, der früher kaum ein Glas Waſſer getrunken hatte, ohne ſeine Anna Marie dabei um Rath zu fragen, fing auf einmal an, für ſich ſelbſt zu handeln, ja für ſich ſelbſt zu denken und über Alles ſeine ganz beftimmten Anſichten zu haben, die er mit einer, bei beſchränkten Köpfen häufig beobachteten Hartnäckigkeit und Zähigkeit vertheidigte. Er hatte auch früher in langen Zwiſchenräumen einzelne Anfälle dieſes Eigenſinns gehabt; aber jetzt ſchien aus dieſen ſporadiſchen Erſcheinungen eine chroniſche Krankheit geworden zu ſein. Die Leute pflegen zu ſagen, wenn Jemand etwas, für ihn ganz Außergewöhnliches thut:„er lebt gewiß nicht mehr lange,“ und wenn dies Argument ſtichhaltig iſt, ſo mußten in der That die Tage des Barons gezählt ſein. Vielleicht war das wirk⸗ lich der Fall und der Baron hatte eine geheime Ahnung davon, die ihn zu dieſen unerhörten Anſtrengungen ſeiner Denk⸗ und Willenskraft veranlaßte, ähnlich wie alte, ſehr geſetzte Kanarienvögel kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Minuten lang mit nervöſer Heftigkeit im Bauer herumhüpfen und flattern.
Eine ſolche nervöſe Heftigkeit lag auch in der Weiſe, in welcher der alte Mann jetzt aus ſeiner goldenen Tabaksdoſe eine Priſe nahm,


