Teil eines Werkes 
11. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 2. Band (1867)
Entstehung
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28 Durch Nacht zum Licht.

Das regere Leben, das auf einmal in der ſonſt ſo ſtillen Stadt ſich bemerklich machte, bewies das zur Genüge. In dem Theater waren jetzt die Proſceniumslogen, die ausſchließlich für den Adel reſer⸗ virt waren, ſtets gefüllt. Des Nachts wurden die guten Bürger von Grünwald durch das Rollen ſchnell fahrender Carroſſen oft aus ihrem erſten Schlaf aufgeſchreckt, und zwölf Stunden ſpäter donnerten die⸗ ſelben Carroſſen abermals durch die Straßen, da die nächtlichen Ruheſtörer um dieſe Zeit ausgeſchlafen hatten und das unabweisliche Bedürfniß fühlten, einander nach ſo langer Zeit wieder zu ſehen und ihre Anſichten über die intereſſanten Ereigniſſe der letzten Ballnacht, — wie oft der junge Graf Grieben mit dem jüngſten Fräulein von Nadelitz getanzt, und welch' ſonderbaren Kopfputz die alte Baroneß Renzien aufgehabt habe— gegenſeitig anszutauſchen.

Geſtern war bei Griebens großer Ball geweſen; auf morgen hatten Grenwitzens zu einer Soirse— der erſten, die ſie in dieſer Saiſon gaben— initirt. Da die Etiquette erforderte, daß man ſich nach einer Geſellſchaft und ebenſo vor einer Geſellſchaft nach dem Befinden der betreffenden Gaſtgeber erkundigte, ſo mußten heute bei Griebens und bei Grenwitzens Viſiten gemacht werden. Das Rollen der Carroſſen wollte deßhalb heute Mittag kein Ende nehmen.

Wenn Viſiten in größerer Zahl zu erwarten ſtanden, waren im Hoͤtel Grenwitz die ſonſt verſchloſſenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet. So auch heute. Ein Dutzend Viſiten waren ſchon abgefertigt, ein anderes Dutzend war noch in Ausſicht. Eben war eine Pauſe eingetreten. Es befand ſich augenblicklich Niemand im Salon, als die Baronin und der Baron.

Wer die Beiden noch einen Moment vorher beobachtet hatte, als ſie die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirten, und ſie jetzt ſah, nach⸗ dem die Thür hinter jenen Damen ſich kaum geſchloſſen, würde ſich über ihr plötzlich verändertes Ausſehen zichechſt gewundert haben. Der alte Herr ließ ſich mit der Miene äußerſter Verdroſſenheit in einen Lehnſtuhl fallen und Anna Marie ſetzte ſich ihm ge enüber auf vas Sopha mit einem Geſicht, von dem jede leiſeſte Spur Lächeln hinter Wolken tiefſten Unmuths verſchwunden war. Augenſcheinlich