Zweiter Band. 27
flammten auf— es mochte unentſchieden bleiben, ob in Liebe oder Haß. Ihre Lippen zuckten,— augenſcheinlich hatte die plötzliche Ueberraſchung ſie gänzlich überwältigt.
Der arme Bediente, der mit dem Hut in der Hand herangehum⸗ pelt kam, löſ'te den Zauber.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau—“
Ueber Oswalds Geſicht zuckte ein ſpöttiſches Lächeln.
„Ich gratulire,„gnädige Frau,“ ſagte er leiſe, ihr die Hand bietend, ſie die Stufen hinaufzuführen.
Oswald fühlte, daß die ſchlanken Finger ſich ſehr feſt in die ſeinen legten
„Sie haben es ja gewollt,“ flüſterte ſie, und jetzt war es ent⸗ ſchieden, daß die großen grauen Augen nicht Haß, ſondern Liebe blickten.„Beſten Dank! Laſſen Sie ſich doch einmal bei mir ſehen. Ich garantire, daß Cloten Sie freundlich empfangen wird.“
Sie waren auf der letzten Treppenſtufe angelangt.
Oswald verbeugte ſich:
„Alſo auf Wiederſehen?“
„Auf Wiederſehen!“
Die junge Dame rauſchte in das Portal. Oswald ſtieg die Stufen hinab, an dem lahmen Bedienten vorüber, der, ſich noch immer die Kniee reibend, ſeinen improviſirten Collegen verwundert anblickte.
Oswald lachte laut auf, während er weiter ſchritt.„Emilie von Breeſen— Frau von Cloten? Und blos, weil ich es gewollt? Und wenn ich es nun nicht will, nicht länger will? Was dann?“
Zweites Capitel.
In den nächſten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt gekommen und hatten ihre Winterquartiere in den Kirchthürmen bezogen; auch behauptete man in gut unterrichteten Kreiſen, daß von den adeligen Familien, die den Winter in Grünwald zu reſidiren pflegten, keine von einiger Bedeutung mehr draußen ſei.


