Zweiter Band. 25 ich habe es noch in meinem Gewahrſam. Wann, befehlen Sie, daß ich es Ihnen zuſende?“
Sie hatten das Feſtungsthor paſſirt und gingen in der Vorſtadt⸗ ſtraße unter den hohen ſauſenden Pappeln. Bei dem ungewiſſen Licht des Mondes, der eben aus den treibenden Wolken hervorlugte, ſuchte Oswald in Helenens Geſicht zu leſen. Es ſchien ihm bleich und heftig erregt. Ihr Arm lehnte ſich feſter auf ſeinen Arm, als ſie nach einer Pauſe antwortete:
„Iſt Ihnen das Medaillon ſehr lieb?“
„Das können Sie fragen?“
„Nein, nein!“ verkennen Sie mich nicht— ich bin nicht un⸗ dankbar, bin gegen Liebe und Freundſchaft nicht unempfindlich. Be⸗ halten Sie das Medaillon! behalten Sie's zur Erinnerung an Ihren, an unſern Liebling.“
„Nur zur Erinnerung an ihn? Es iſt Ihr Haar, Fräulein Helene!— nur zur Erinnerung an ihn?“
„Und— an mich!“
Oswald nahm die kleine Hand, die auf ſeinem Arm ruhte und führte ſie an die Lippen.
„Sie machen mich unſäglich ſtolz und glücklich,“ ſagte er,„ich habe nichts gethan, wodurch ich ſo große Huld und Gnade verdient hätte; aber freilich, wäre Gnade denn noch Gnade, wenn man ſie verdienen könnte?“
„Sie wollen mich durch Ihre Beſcheidenheit erdrücken. Sie wollen, daß ich Ihnen danken ſoll für alle Ihre Güte, wie ich Ihnen danken müßte und doch nicht danken kann. Sie ſind immer ſehr gut gegen mich geweſen; Sie haben zu mir geſtanden, als ich ſelbſt von meinen nächſten Verwandten angefeindet wurde, und noch zuletzt—
„Habe ich nichts gethan, was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines Lebens wieder thun würde.— Doch hier ſind wir an Fräulein Bärs Haus. Iſt die Gitterthür verſchloſſen?“
„Nein.“
Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Hausthür. Oswald ſchellte. „Werde ich Sie wiederſehen?“


