24 Durch Nacht zum Licht.
„Wohl ihm!“ flüſterte Helene.
„Ja, wohl ihm! er hat eine Stunde lang in dem Anſchauen deſſen, was ihm das Schönſte, das Herrlichſte war, geſchwelgt und iſt dann dahingeſchwunden, wie ein roſiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne. Er hat ſie nicht zu koſten ge⸗ braucht die ſchwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags. Er hat ſich nicht vor dem ſcharfen Wind des Abends ſchaudernd zu verhüllen brauchen, er hat die ſchöne bunte Welt nicht in öde Nacht verſinken ſehen.— Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein; es iſt heute Abend ſchon das zweite Mal, daß ich mich von der Erinne⸗ rung an meinen todten Liebling fortreißen laſſe. Aber ich kann Ihnen nicht ſagen, wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe ſein Andenken in mir wachruft. Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten; die trocknen Augen wieder an zu tropfen.“
„Geht es mir denn anders?“ ſagte Helene, und ihre Stimme zitterte.
„So haben Sie ihn auch geliebt? Aber nein, das wollte ich nicht fragen. Wie hätten Sie ihn nicht lieben ſollen, der ſo ſchön, ſo tapfer, ſo gut war, ſo hinreißend liebenswürdig, und der Sie ſo liebte! ſo unfäglich liebte! O, Fräulein von Grenwitz, wiſſen Sie denn wohl, wie ſehr er Sie geliebt hat? wiſſen Sie, daß er Sie bis in den Tod, daß er Sie mehr als ſein Leben geliebt hat?“
„Ich weiß es!“ ſagte Helene leiſe.
„Mehr als ſein Leben,“ fuhr Oswald leidenſchaftlich fort,„über den Tod hinaus. Es war an dem letzten Tage, wenige Stunden vor ſeinem Tode, als er mir ein Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar, das er auf der Bruſt trug, zeigte und mich bat, es ihm mit in's Grab zu geben. Ich habe ihm ſeinen Wunſch nicht erfüllen können. Sie wiſſen, daß ich am nächſten Morgen ſchon das Schloß verließ, ohne zu wiſſen, ob— ich jemals wieder den Fuß über die Schwelle würde ſetzen, ob ich den theuren Todten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen können. Der Gedanke war mir entſetzlich, daß jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte, ich nahm es daher mit der Abſicht, es Ihnen, die Sie den einzig recht⸗ mäßigen Anſpruch darauf haben, zurückzuſtellen. Ich habe es ſtets—
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