Teil eines Werkes 
11. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 2. Band (1867)
Entstehung
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Zweiter Band. 23

Weg, den er vorgeſchlagen, war nicht nur der bei weitem längere, ſondern auch der bei weitem dunklere. Er führte zwiſchen der Stadt⸗ mauer und dem Feſtungswalle hin— eine angenehme Promenade im Sommer und bei Tage; aber jetzt an einem finſtern Herbſtabend wenig empfehlenswerth.

„Es iſt doch dunkler, als ich gedacht,“ ſagte Oswald, als ſie aus dem dumpfigen Stadtmauerthor, wo die letzte Laterne brannte, auf den Wall gekommen waren;„ſollen wir lieber wieder umkehren?“

„Meinethalben nicht; ich gehe ganz gern ſo.“

„Hüllen Sie ſich wenigſtens recht feſt in Ihren Mantel; der Wind weht ſcharf vom Meer herüber und die Luft iſt feucht und kalt.“

Sie gingen einige Minuten ſchweigend. Das trockene Laub der Bäume, mit denen die Promenade beſetzt war, raſchelte unter ihren Füßen; klagende Töne ſtrichen durch die Luft— dem Seufzen und Stöhnen eines frierenden Kranken vergleichbar.

„Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park ausſehen?“ fragte Oswald.

„Das dachte ich eben auch,“ erwiderte Helene.

„Ich möchte, ich könnte in dieſem Augenblicke dort ſein.“

„Was wollten Sie da?“

„Ich wollte in den wohlbekannten Gängen, zwiſchen den Tarus⸗ hecken unten im Garten, unter den Buchen oben auf dem Wall umherſchweifen und mich mit der Mondesſichel, die durch die Wolken ſchwankt und mit dem Nachtwind, der durch die Bäume und um das Schloß rauſcht, unterhalten von ſeligen Stunden, die nicht mehr ſind und nimmer wiederkehren können.“

„So denken Sie gern an Grenwitz zurück?“

„Sollte ich es nicht? Habe ich doch die glücklichſten Tage meines freudeloſen Daſeins dort verlebt! Was kümmern mich jetzt die Bitter⸗ niſſe, die in dieſen Kelch berauſchender Süßigkeit gemiſcht waren? Ich weiß von ihnen nichts mehr. Mir iſt, als hätte ich damals zum erſten und letzten Male in meinem Leben wahrhaft gelebt, und als ſei ich geſtorben mit den Blumen auf den Beeten und mit dem Sonnenſchein, der des Morgens durch die thaufriſchen Zweige ſpielte und bunte Schatten auf den Weg ſtreute. Wohl ihm, deſſen Leben wirklich mit jenem köſtlichſten Sommer zu Ende war!“