22 Durch Nacht zum Licht.
Oswald, der mit dem Rücken nach der Thür zu ſtand, wurde Bemperlein erſt gewahr, als er ſich auf Sophiens Gruß:„Guten Tag, Bemperchen!“ nach dem Kommenden umwandte. In demſelben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald.
Sie hatten ſich, ſeit jener Nacht, wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau abzuholen kam und die Liebenden im Park überraſchte, nicht wieder geſehen. Sie waren damals in herzlicher Freundſchaft ge⸗ ſchieden; und heute, als ſie ſich nach ſo manchen Wochen wiederſahen, ſtreckte Keiner dem Andern die Hand zum Druck entgegen, lächelte Keiner dem Andern freundlich zu, begrüßte Keiner den Andern mit einem herzlichen Wort. Ihr ganzes Willkommen beſtand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen nichtsſagenden Phraſen, ſo daß Sophie, welche bis jetzt geglaubt hatte, daß Bemperlein und Oswald auf dem beſten Fuße ſtänden, nicht wenig verwundert war und nicht recht wußte, wie ſie ſich in dieſem ganz unvorhergeſehenen Fall be⸗ nehmen ſollte. Indeſſen ſollte dieſe peinliche Situation nicht lange dauern; denn Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgeſtellt, die, wenn ſie ſich wirklich des in früheren Jahren häufiger geſehenen Hauslehrers auf Berkow erinnerte, jedenfalls nicht für gut fand, dieſer Erinnerung Worte zu leihen, als Helene und Oswald das Zimmer verließen. Sophie begleitete ſie noch zur Thür hinaus, während Bemperlein, die Hände auf den Rücken, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet, an dem Kamin ſtehen blieb.
Es war beinahe Nacht, als Helene und Oswald auf die ſchlecht erleuchtete Straße traten.
„Welchen Weg nehmen wir?“ fragte Oswald.
„Ich denke, es giebt nur einen Weg.“
„Nicht doch; wir können auch über den Wall gehen. Der Weg iſt näher und es geht ſich angenehmer dort, als auf dem holprigen Steinpflaſter.“
„Wie Sie wollen.“
„Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?“
Es war das erſte Mal, daß Oswald Gelegenheit hatte, Helenen zu führen. Er beeilte ſich nicht, das Vergnügen, Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch die Nacht zu wandern, abzukürzen. Der
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