Teil eines Werkes 
11. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 2. Band (1867)
Entstehung
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Durch Nacht zum Licht.

haltend, das Heft auf den Notenpult gelegt, ſich auf die Kante des Stuhls, wie ſie es liebte, an den Flügel geſetzt und blickte jetzt, ein paar präludirende Accorde greifend, erwartend auf Helene.

So ſah ſich dieſe, obgleich ſie ſich in dieſem Augenblick, wo die leidenſchaftliche Scene von vorhin noch in ihrem jungen vollen Herzen nachzitterte, keineswegs zum Singen aufgelegt fühlte, genöthigt, ihren Hut, den ſie ſchon in der Hand hatte, wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten.

Oswald ſtand in der Entfernung von wenigen Schritten mit untereinandergeſchlagenen Armen an das Geſims des Kamins gelehnt, die Blicke unverwandt auf die beiden ſchlanken Mädchengeſtalten ge⸗ richtet. Und wohl mochte dies Bild ſeine Blicke feſſeln; es wäre ſchwer geweſen, ein reizenderes zu finden.

Man konnte in dieſem Angenblicke zweifeln, welche von den beiden Erſcheinungen nicht die ſchönere, denn das war unbeſtritten Helene aber die intereſſantere war. Die Harmonie an und für ſich lieblichſter Züge, der Sammetton des dunklen Teints, der bläu⸗ liche Glanz des ſchwarzen Haares das Alles ſprach für Helene und ſchien ſie in unerreichbare Höhen der Schönheit hinaufzurücken, aber der Ausdruck auf Sophiens Geſicht, wie ſie in Muſik verſunken daſaß, bald ſich über die Taſten beugend und die Accorde gleichſam lockend, bald den Blick halb nach oben gewandt, als blicke ſie den enteilenden Tonwellen nach, hätte wohl für den, welcher die höchſte Schönheit in der reinſten Geiſtigkeit findet, Alles erſetzt. Wie über eine reizloſe Landſchaft ein günſtiger Sonnenblick oft den wunder⸗ barſten Zauber auszugießen vermag, ſo durchleuchtete und durch⸗ glänzte die edle, kunſtdurchglühte Seele dieſes Mädchens ihr faſt unſchön zu nennendes Geſicht. Es war ein Beethoven'ſcher Zug darin, das metevriſche Leuchten des freien Menſchengeiſtes durch die weite Nacht der Sinnlichkeit hinüber in unbegrenzte Lichtregionen. Und ſeltſam! in demſelben Maße, in welchem die Muſik den Aus⸗ druck Sophiens erhöhte, ſchwächte ſie die Herbheit in der energiſchen Schönheit Helenens ab, indem ſie den ſtolzen Zügen eine Weichheit gab, die ſie im gewöhnlichen Leben niemals zeigten. Die Eintracht ſüßer Töne weckte dort den ſchlummernden Genius und ſchläferte hier