Teil eines Werkes 
11. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 2. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zweiter Band. 17

Er ſah bleich und verfallen aus, als wäre er krank oder hätte mehrere Nächte nicht geſchlafen. Die großen Augen hatten etwas Unheim⸗ liches, Geſpenſtiſches. Ich mußte wahrlich an das: Es ſteht ihm an der Stirn geſchrieben, daß er nicht mag eine Seele lieben, oder wie es heißt, denken. 2

Da muß er ſich allerdings ſehr verändert haben, ſagte Helene.

Der Ton, in welchem das junge Mädchen dieſe Worte ſprach, war ſo traurig. Es that Sophie leid, daß ſie ſich von der geheimen Antipathie, die ſie in der That gegen Stein empfand, noch mehr vielleicht aber von dem Wunſch, Helene durch lebhaften Widerſpruch zu reizen, und ſie ſo gleichſam für ihre Verſchloſſenheit zu beſtrafen, hatte hinreißen läſſen.

Doch ſoll dies, ſagte ſie einlenkend,nicht etwa mein end⸗ giltiges Urtheil über Oswald Stein ſein; es iſt nur eben ein erſter Eindruck. Wenn ich ihn öfter ſehe, werde ich wohl anders über ihn denken. Ich glaube ſogar, daß bei mir ein wenig Eiferſucht mit unterläuft. Franz machte ſo gar viel aus ihm, und Sie wiſſen, wir Bräute ſind in dieſer Beziehung ein wenig engherzig. Da fällt mir übrigens ein, daß er jeden Augenblick kommen kann, rief ſie, ſich ſelbſt unterbrechend.

Wer? ſagte Helene;Oswald?

Ich hatte es wahrhaftig ganz vergeſſen. Ich, gedankenloſes Mädchen!

Was iſt es denn?

Stein und Franz hatten ſich verabredet, heute zuſammen eine Vorleſung bei Profeſſor Benzeler zu beſuchen. Und Franz iſt gleich nach Tiſch für meinen Vater auf's Land gefahren. Ich ſollte es Stein abſagen laſſen! Ob's wohl noch Zeit iſt?

Es iſt halb ſechs, ſagte Helene, an's Fenſter tretend, und nach der Uhr ſehend.Es iſt beinahe dunkel geworden; ich muß machen, daß ich nach Haus komme.

In dieſem Augenblick wurde an die Thür gepocht.

Er iſt es, riefen die beiden jungen Damen unisono, zuſammen⸗ ſchreckend wie ein paar Rehe, wenn im Walde ein Schuß fällt.

Das Pochen wiederholte ſich.

Fr. Spielhagen's Werke. XI. 2