Durch Nacht zum Licht.
„Nun, es ſah gerade nicht ſo aus, als ob ihm der Beſuch be⸗ ſonderes Vergnügen mache. Indeſſen kann ich darüber weniger urtheilen, da ich ihn geſtern zum erſten Male in meinem Leben ſah. Mir ſchien es, offen geſtanden, als ob ihm überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte. Franz ſagte, das ſei durchaus nicht der Fall, fand aber ſelbſt, daß Herr Stein ſich in der kurzen Zeit, wo ſie ſich nicht geſehen, merkwürdig verändert habe. Wie war er denn, ſo lange Sie ihn kannten?“
Sophie glaubte zu fühlen, daß Helenens Herz, als ſie dieſe Frage möglichſt unbefangen that, höher ſchlug. Doch war von dieſer Erregung nichts in dem Ton zu merken, mit dem ſie antwortete:
„Ich habe Herrn Stein ſelten oder nie anders als in Geſell⸗ ſchaft geſehen, und Sie wiſſen, da hat man wenig Gelegenheit, die Menſchen zu ſehen, wie ſie wirklich ſind. Er ſchien meiſtens ernſt, faſt traurig, ſehr reſervirt und verſchloſſen, beſonders in den letzten Wochen. Doch mochten dazu auch die in meiner Familie herrſchenden Verhältniſſe nicht wenig beitragen. Wie war er denn geſtern?“
„Es iſt das ſchwer zu beſchreiben für Jemand, der, wie ich, kein großer Pſycholog iſt,“ antwortete Sophie, entſchloſſen, auf jeden Fall, auch wenn ſie Helene verletzen ſollte, die Wahrheit zu ſagen. „Er ſchien mir luſtig, ja ausgelaſſen, aber nicht heiter; geſprächig, aber nicht mittheilſam; witzig, aber nicht unterhaltend; mit einem Wort, eine lebendige Vereinigung von lauter Gegenſätzen, welche auf mich, die ich das leicht Verſtändliche, Klare, Einfache liebe, offen geſtanden, einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Beſonders mißfiel es mir, wie er über ſeinen Beruf und über ſeine hieſigen Verhält⸗ niſſe ſprach. Er ſchien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten. Er ſchilderte eine Geſellſchaft, die er bei Director Clemens mit⸗ gemacht, und ſchüttelte eine wahre Fluth von Hohn und Sarkasmen über die armen Menſchen aus. Er beſchrieb ſeine feierliche Ein⸗ führung in die Schule, die gerade an demſelben Morgen ſtattgefunden hatte und ſtellte das Ganze wie eine Scene auf einem Puppen⸗ theater dar. Franz hatte mir geſagt, daß er etwas Fauſtiſches in ſeinem Weſen habe; mir iſt er wie ein rechter Mephiſto vorgekommen. Auch fand ich ihn nicht ſo ſchön, wie Franz ihn mir geſchildert hatte.


