Teil eines Werkes 
11. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 2. Band (1867)
Entstehung
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Zweiter Band. 5

gelaſſen hatte, ergänzte ſie durch die ihr, wie allen feinfühlenden Frauen, eigenthümliche Divinationsgabe.

Man hat Helene mit einem unwürdigen Menſchen verheirathen wollen, ſagte die junge Dame, als ſie bald nach Ankunft Helenens mit ihrer mütterlichen Freundin in dem geheimnißvollen Adyton des Arbeitscabinets über die Grenwitzer Verhältniſſe conferirte,und Helene hat ſich, wie es recht und billig iſt, gegen eine ſolche Zu⸗ muthung aufgelehnt. Dafür hat man ſie auf eine Zeit lang aus dem elterlichen Hauſe verbannt. Wollen Sie nun durch übertriebene Strenge das ſchon ſo harte Loos des Mädchens noch härter machen? Gewiß, Fräulein Malchen, das werden Sie nicht! Thun Sie, was der Vater wünſcht. Behandeln Sie Helene nicht als eine Schülerin denn dazu iſt ſie zu alt; behandeln Sie ſie als ein junges Mädchen, das vor einer thranniſchen Mutter und einem allzuſchwachen Vater, von denen jene ſie mißhandelte und dieſer ſie nicht zu ſchützen vermochte, zu Ihnen ſeine Zuflucht genommen hat. Denn das iſt, ſo viel ich ſehen kann, das Wahre an der Sache.

Als Sophie ſo ſprach, ahnte ſie freilich nicht Oswald's Liebe für Helene, und Helenen's Liebe für Oswald, die, wenn ſie ihr bekannt geweſen wäre, ſie vielleicht etwas anderes hätte ſprechen machen, und als ihr ſpäter aus Franz' Berichten über die Kataſtrophe in Grenwitz und noch mehr aus einzelnen Aeußerungen Helenen's dieſer ſo überaus wichtige Punkt klar zu werden begann, ſprach ſie auch noch nicht anders, weil ihr das Weiterplaudern eines Geheim⸗ niſſes, über das ſie mit ſich ſelbſt noch nicht einmal im Reinen war, ein Verrath an ihrer Freundin ſchien. Denn das war ihr mittler⸗ weile Helene geworden; zum mindeſten war ſie mit inniger Neigung dem ſchönen Mädchen zugethan, wenn ſie auch ſehr daran zweifelte, daß die ſtolze, vornehm⸗ruhige Helene ihre Liebe in demſelben Maße erwiderte. Die Muſik hatte das Verhältniß zwiſchen den beiden jungen Damen vermittelt. Sie liebten beide dieſe edle Kunſt ſchwär⸗ meriſch und fanden mit Entzücken, daß ſie ſich nicht nur in dieſer ge⸗ meinfamen Liebe begegneten, ſondern auch in ihrem Wiſſen und Können ergänzten. Sophie war die Gelehrtere. Die Geheimniſſe des Generalbaſſes für Helene ein Buch mit ſieben Siegeln