6 Durch Nacht zum Licht.
waren ihr erſchloſſen, dafür war Helenens muſikaliſche Empfindung wenn nicht tiefer, ſo doch vielſeitiger. Im Vergleich mit Sophie war wiederum Helene eine Stümperin auf dem Clavier, dafür hatte ſie aber eine herrliche, umfangreiche, wohl geſchulte Altſtimme, während Sophie, wie ſie ſelbſt ſagte, nicht einen Ton in der Kehle hatte.
So konnten denn die jungen Damen ſtundenlang, entweder auf Helenen's Zimmers in der Penſion, noch öfter aber in Sophie's Salon, ſpielen und ſingen, ohne jemals müde zu werden. Helene behauptete, daß noch Niemand ſie ſo gut begleitet habe, wie Sophie, und Sophie, daß ihr noch nichts einen größeren muſikaliſchen Genuß gewährt habe, als Helenen's füßer, melodiſcher, tief empfundener Geſang.
Aber ſeltſam, trotzdem ihre Seelen ſich in dem Reich der Töne wahlverwandtſchaftlich fanden und ſchweſterlich küßten, verſtummten die Zungen, ſobald es ſich darum handelte, durch die Menſchenrede ſich menſchlich nahe zu treten. Das Geſpräch gerieth oft in's Stocken und man wandte ſich wieder zur Muſik, um eine Pauſe, die peinlich zu werden drohte, auszufüllen. Manchmal war es Sophie, als ob Helene eine gewaltſame Anſtrengung mache, dieſen Zauber, der ſie zum Schweigen zwang, zu zerbrechen; aber es kam bei ſolchen Ge⸗ legenheiten nie über das erſte Stammeln der Vertraulichkeit hinaus und ſchon im nächſten Augenblick verwandelte ſich das junge, nach Freundſchaft ſchmachtende Mädchen, in die vornehme, in ſelbſtzufrie⸗ dener Abgeſchloſſenheit und Unnahbarkeit ruhende Geſellſchaftsdame. „Sie iſt eine Marmorſtatue,“ ſagte Sophie zu ihrem Vater,„trotz ihrer ſchwarzen Haare und ihrer dunklen ſtrahlenden Augen. Man kann ihr auf keine Weiſe beikommen. Ich glaube, ſie iſt eine heim⸗ liche Waſſerfrau.“
Der Geheimrath lachte.
„Du möchteſt nicht ſo ganz unrecht haben,“ ſagte er,„denn wenn in zwei durchaus verſchiedenen phyſiſchen Medien, wie Luft und Waſſer, auch phyſiſch durchaus verſchiedenartige Creaturen exiſtiren, die keine wahre Gemeinſchaft mit einander haben können, ſo iſt nichts logiſcher, als daß verſchiedene moraliſche Atmoſphären,


