Erſter Band. 199
Timm ſchenkte die Gläſer wieder voll, zündete ſich eine friſche
Cigarre an und ſagte: „Heine theilt, wie Sie wiſſen, die Menſchen in zwei Claſſen: in fette Griechen und magere Nazarener. Ich habe dieſe Unterſcheidung ſtets eben ſo praktiſch wie tiefſinnig gefunden. Jene glauben an die heilige Frau von Melos, dieſe beten zur ſchmerzensreichen Mutter. Der heitere, fröhliche Genuß der guten Dinge dieſer Welt iſt für die Einen: mürriſche Entſagung und grübelnde Asceſe für die Anderen. Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen ſich ausleben und die Nazarener ſich ausbeten können, müſſen die Erſteren noth⸗ wendig Geld und zwar viel Geld haben, und die Letzteren arm und zwar ſehr arm ſein.“ „Ehe Sie in Ihrer Auseinanderſetzung weiter gehen, Timm, ſagen Sie mir zuvörderſt: in welche Claſſe gehören denn Sie?“ „Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten Magen, die geſunden Zähne, die feinen Sinne, mit
einem Worte, die Genußſucht und die Genußfähigkeit des Griechen;
aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer ſpecifiſchen Tu⸗ genden nöthige Zähigkeit und Genügſamkeit. Ich habe das unſchätz⸗ bare Talent des Kameels, lange durſten zu können, ohne dabei den Muth und die Kraft zu verlieren— im Gegentheil, bei mir dient die Entbehrung nur dazu, den Appetit zu ſchärfen und den nächſten Trunk köſtlicher zu würzen. Wenn ich die wüſte Strecke durchlaufen habe, und— wie jetzt zum Beiſpiel— die Zweige der Mimoſe und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell— wie jetzt zum Beiſpiel— aus der Flaſche— wollte ſagen aus dem Felſen ſchäumt und perlt— dann beuge ich meinen langen Kameel⸗ hals herab und trinke, trinke, trinke und ſegne die dürre, braune Wüſte, die mir zu dieſem göttlichen Durſt verhalf.“
Und Herr Timm ſtürzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der haſtigen Gier eines Wanderers, deſſen Zunge am Gaumen klebt. Oswald betrachtete, den Kopf in die Hand geſtützt, den über⸗
müthigen Geſellen, ihm gegenüber, mit einem eigenthümlichen nei⸗ diſchen Wohlgefallen. Wie ſcharf und keck, und, bei aller Schärfe und Keckheit, fein und geiſtreich war dies faſt knabenhafte glatte


