Durch Nacht zum Licht.
den ſeine eigenen Gedanken zu ſehr beſchäftigten, dieſe Beobachtung. Er glaubte an Timm's Aufrichtigkeit und es ſchmeichelte ihm, bei einem Manne, den er bis dahin für ſo außerordentlich leichtſinnig gehalten, ein ſo tiefgehendes Intereſſe erweckt zu haben. Er füllte ſein und Albert's Glas aus der friſchen Flaſche und ſagte mit Herz⸗ lichkeit:
„Ich bin nicht undankbar, Timm, ich bin es wirklich nicht, bin's auch in dieſem Falle nicht. Und wenn ich an Ihre Freundſchaft bis jetzt nicht ſo recht glaubte, ſo kam es daher, weil ich mir bewußt war, ſie ſo wenig verdient zu haben. Stoßen Sie mit mir an! Sie wiſſen, mit einem Melancholicus, wie ich einer bin, darf man es nicht ſo genau nehmen!“
„Ja, das ſoll Gott wiſſen!“ rief Timm mit dem alten luſtigen Gelächter, das lange blonde Haar, das ihm über die Stirn gefallen war, nach hinten ſchlagend und ſein Glas mit einem Zuge leerend. „Und ich habe oft ſchon darüber geräthſelt, wie ein Kerl wie Sie, der alle Anwartſchaft auf den intenſiveſten Genuß des Lebens hat, zu einer Weltanſchauung kommt, die ſich einzig für kranke Kanarien⸗ vögel und andere Invaliden zu ziemen ſcheint. Wenn Sie aus blöder Scheu niemals angefangen hätten, zu genießen, oder ihre Kraft im Genuß verbraucht hätten, wollte ich nichts ſagen; aber da offenbar das Eine ſo wenig der Fall iſt, wie das Andere; da Sie weder ein ſchwärmeriſcher Heiliger noch ein blaſirter Roué ſind, weder an Ueberkraft, noch an Ueberſchwäche leiden, ſo wüßte ich wirklich nur Eines, was Ihnen fehlen könnte.“
„Und das wäre?“
Herr Timm ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch und das glatte Geſicht in die weißen Hände und lächelte Oswald ſchlau an.
„Und das wäre, Timm?“
„Zehntauſend Thaler jährliche Rente.“
Oswald lachte.
„Ein höchſt proſaiſches Mittel gegen den Weltſchmerz.“
„Aber ein radicales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar an⸗ ſchlagen würde.“
„Weßhalb gerade bei mir?“


