182 Durch Nacht zum Licht.
„Nun denn, Sie wiſſen, Fräulein Sophie, daß Grenwitzens heute Morgen in die Stadt gekommen ſind.“
„Wir ſind davon unterrichtet. Weiter, Angeklagter!“
„Sie wiſſen aber noch nicht, daß die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an mich geſchrieben und mich gebeten hat, ſie noch im Laufe des Tages zu beſuchen. Sie habe über eine Sache von der äußerſten Wichtigkeit mit mir zu ſprechen.“
„Die Sachen der Baronin ſind immer von der äußerſten Wichtig⸗ keit, meinte Franz.
„Das wußte auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Viſite. Gegen Abend indeſſen, kurz vorher, ehe ich hierher kam, war ich dort.“
„Nun, und um welche Bagatelle handelte es ſich?“
„Ich habe es nicht erfahren, denn ich hatte nicht das Glück, vor⸗ gelaſſen zu werden. In der Hausthür begegnete ich Herrn Timm, der in ſolcher Eile war, daß er mich faſt über den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte, zu ſagen: Wie zum Teufel kommen denn Sie hierher, Bemperlein? Im Vorzimmer, in welches mich der Be⸗ diente gewieſen hatte, traf ich Mademoiſelle Marguerite.“
„Hat ſie braune Augen, Bemperchen?“
„Sie hat braune Augen, Fräulein Sophie, ſehr ſchöne braune Augen, die in dieſem Augenblicke um ſo glänzender erſchienen, als ſie voll heller Thränen ſtanden.“
„O!“ ſagte Fräulein Sophie, unwillkürlich aus ihrem luſtigen Ton fallend,„weshalb denn?“
„Weiß ich es? Ich war, weil ich Niemand im Zimmer ver⸗ muthete, ohne anzuklopfen eingetreten. Bei meinem Erſcheinen fuhr die junge Dame, welche mit dem Kopf auf dem Tiſch ſchluchzend daſaß, empor und ſuchte, ſo gut es gehen wollte, ihre Thränen zu verbergen. Sie erwiderte auf meine Frage, ob die Baronin zu ſprechen ſei: ſie wolle gehen und nachſehen. Sie ging aber nicht, wenigſtens nur bis an die nächſte Thür, wo ſie ſtehen blieb, um abermals in Thränen auszubrechen. Sie können ſich meine Verlegen⸗ heit denken. Ich kann Niemand weinen ſehen, geſchweige denn ein ſo junges, armes, hülfloſes Geſchöpf, wie Mademoiſelle Marguerite.


