178 Durch Nacht zum Licht.
über mich, fromm die Hände faltete und mit gebeugtem Haupt für mich inbrünſtiglich betete.“
Bemperlein ſchwieg. Er hatte die Brille, die immer trüber ge⸗ worden war, abgenommen und rieb die Gläſer mit dem ſeidenen Taſchentuche wieder blank.
„Und was iſt aus Chriſtian geworden?“ fragte Franz.
„Er iſt jetzt Profeſſor der alten Sprachen an einem Belgiſchen hochberühmten Lyceum; ſeine Grammatik über den doriſchen Dialect iſt epochemachend für die Sprachwiſſenſchaft. Ich hatte vorgeſtern einen ſechszehn Seiten langen Brief von ihm.“
„Und was iſt aus dem Frack geworden?“ fragte Sophie.
„Er hangt noch heut zu Tage wohlerhalten als theures Andenken in meinem Schrank,“ erwiderte Herr Bemperlein, die Brille wieder aufſetzend und Sophie ſchalkhaft anlächelnd;„ja, und was noch mehr ſagen will: er paßt mir noch heute ſo gut, als er mir damals paßte, und ich kann mich in ihm jederzeit vorſtellen, falls mein gnädiges Fräu⸗ lein an der Wahrheit dieſer wahrhaftigen Geſchichte zweifeln ſollte.“
„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Bemperchen?“ ſagte Sophie mit ungewöhnlichem Ernſt, ihm die Hand entgegenſtreckend.
„Jede!“ ſagte Bemperlein mit Enthuſiasmus, die Hand des Mädchens ergreifend.
„Laſſen Sie ſich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen, ſondern kommen Sie in dem alten, der für Sie durch ſo herrliche Erinnerungen geweiht iſt.“
„Iſt das Ihr Ernſt?“
„Zweifeln Sie daran?“
„Nun gut,“ ſagte Herr Bemperlein, Sophie die Hand küſſend, „ich will in dem Frack, den ich mir zu meiner Confirmation ſelbſt gemacht habe, Ihr Brautführer ſein.“
Die kleine Geſellſchaft beendigte ihr kaltes Abendbrod und begab ſich in das trauliche Wohnzimmer zurück, wo Sophie den Thee be⸗ reitete, während Franz ging, ſich nach des Geheimraths Befinden umzuſehen. Er kam mit der erfreulichen Kunde zurück, daß Papa, ſeit dem Beginn ſeiner Krankheit zum erſten Male, in einem ruhigen erquickenden Schlafe liege, in welchen er, wie der Diener, der dieſe


