Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

Erſter Band. 177

ich beuge mich nicht länger unter dieſe Tyrannei,“ rief er mit einer Armſchwenkung, die dem Demoſthenes Ehre gemacht haben würde; „noch dieſen einen Selavendienſt(und er ſchlug dabei mit der geball⸗ ten Fauſt auf die ſauber zuſammengefalteten Inexpreſſiblen) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt. Willſt Du mit?“ Nur mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen; ich wußte, daß ihm der Gedanke, mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können, weher that, als alles Andere. Ich erinnerte ihn an das Gebot, welches uns befiehlt, Vater und Mutter zu ehren, auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden; ich ſagte ihm, daß ſein Vater doch endlich nachgeben werde; und was den Frack betreffe, ſo würde der Schüler ſeinem Meiſter Ehre machen.— Chriſtian ſchüttelte wehmüthig den Kopf:„Du wirſt nicht fertig, Anaſtaſius,“ ſagte er,„Du wirſt nicht fertig, auch angenommen, daß Du mit dem Zuſchneiden zu Stande kommſt.“—„Was gilt die Wette, Chriſtian?“ rief ich,„Du ſiehſt mich heute über acht Tage bei der Einſegnung in der Kirche in dem Frack, den ich ohne Deine Hülfe machen werde, und Du ſollſt einge⸗ ſtehen, daß er gut gemacht iſt. Gewinn' ich, ſchenkſt Du mir Deinen Dompfaffen, gewinnſt Du, gebe ich Dir die Odyſſee in der Heyne'⸗ ſchen Ausgabe. Willſt Du?“—„Topp!“ ſagte Chriſtian trotz ſeine s Jammers lächelnd.„Ich ſollte eigentlich nicht wetten, weil Du doch verlierſt; aber wenn Du willſt, ſo ſei's.“

„Nun, und wer gewann die Wette?“ fragte Sophie eifrig.

„Am nächſten Sonntag, in der Nikolaikirche,“ ſagte Herr Bem⸗ perlein, und ſeine Stimme zitterte und ſeine Brillengläſer wurden feucht;„am nächſten Sonntag kniete ich zwiſchen vielen anderen Jüng⸗ lingen an dem Altar, und die Orgeltöne flutheten durch die hohen Hallen, und der Prieſter murmelte den Segen Gottes über uns, aber ich hörte von allem nichts; ich ſah nur immer nach der Empore hinauf zu einem Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen, der mir Kußhände zuwarf und deſſen liebes Geſicht vor Stolz und Freude darüber, daß ſein Freund, gegen all ſein Erwarten, ſo ſtatt⸗ lich ausſah, erglänzte und der, als an mich die Reihe kam, daß der Herr mich ſegnen und behüten möchte und ſein Antlitz leuchten laſſen Fr. Spielhagen's Werke. X. 12