170 Durch Nacht zum Licht.
ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihnen ein Gott gegeben hat, zu ſagen, was ſie leiden, oder nicht. Sophie dagegen hat die Neigung, in qualvollen oder freudereichen Momenten ſehr ſtill zu ſein, weß⸗ halb Franz ſie lieber zu der Jean Paul'ſchen Claſſe:„der Stummen des Himmels“ rechnen möchte, als zu den eigentlich hohen und höchſten Menſchen. Ueberdies habe Sophie noch folgende Eigen⸗ ſchaften und Eigenthümlichkeiten, welche alle mehr oder weniger mit der höchſten Hoheit unvereinbar ſeien. Sie habe eine beſondere Vorliebe für Kanarienvögel, Hunde, Laubfröſche, Kaninchen, Pferde, ja ſelbſt für Eſel, was entſchieden auf einen niederländiſchen Ge⸗ ſchmack für Stillleben und Viehſtücke deute; ſie verrathe eine für die Tochter eines berühmten Gelehrten und die Braut eines möglicher⸗ weiſe ſpäter einmal ebenfalls berühmten Gelehrten höchſt unziemliche Gleichgiltigkeit gegen die Literatur, da ſie trotz ihres vorzüglichen Talentes für die Erlernung fremder Sprachen, ſich du rchaus nicht bewegen laſſe, bei der Lectüre franzöſiſcher und engliſcher Schrift⸗ ſteller das Lexicon in allen nöthigen Fällen zu gebrauchen, und was die Erzeugniſſe ihrer Mutterſprache betreffe, in ihrem Indifferentismus ſogar ſchon einige Male ſo weit gegangen ſei, feſt einzuſchlafen, während ihr Franz die ſchönſten Capitel aus Dichtung und Wahr⸗ heit oder der Italieniſchen Reiſe vorlas. Sodann habe ſie eine ganz entſchiedene Neigung, ihren Hut ſchief aufzuſetzen, und bei Spazier⸗ gängen in den Hecken an der Wegſeite mit ihren Kleidern hängen zu bleiben, was Beides auf ein, mit dem„hohen Menſchenthum“ unver⸗ einbares Traum⸗ und Dämmerleben in der Seele deute. Ja, es grenze ſchon an Hellſeherei, wenn ſie(wie es in der That einmal geſchehen war) ihrem Mädchen, das ſie zum Ball anzog und noch einer Stecknadel bedurfte, als keine mehr vorhanden war, zurufen könne: Hinten im Saal unter dem vierten Stuhl vom Fenſter aus liegt ſeit acht Tagen eine.
Das Geſpräch der Liebenden war nach und nach auf dies von Franz mit unendlichen Variationen behandelte Thema der unzähligen S hwächen ſeiner Braut gekommen. Franz beſaß die Gabe, mit An⸗ munth zu ſcherzen und unter der lächelnden Maske eines gutmüthigen Spötters das ernſte Geſicht eines wohlmeinenden Lehrers zu verbergen⸗


