Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 169

Freude an ihnen haben, obgleich weder die Erſcheinung des jungen Mannes, noch die des Mädchens auf claſſiſche Schönheit Anſpruch machen konnten. Dazu waren ihre hohe Geſtalten zu modern ſchlank, zu ſehr ohne die üppige Fülle des griechiſchen Ideals; ermangelten ihre ausdrucksvollen Geſichter zu ſehr jener architektoniſchen Regel⸗ mäßigkeit, jener unverwüſtlichen antiken Harmonie, die keinen Kampf kennt, zum mindeſten keinen Kampf, der die Seele in ihrer innerſten Tiefe aufregt.

Sophie Robran hat ſtreng genommen Nichts, was auf Schön⸗ heit Anſpruch machen könnte, als einen anmuthig feinen Wuchs, an welchem aber Kenner die zu große Magerkeit der Arme rügen, und

ein Paar große, tiefblaue, weiche Augen, von denen Kenner und

Nichtkenner mit gleichem Entzücken ſprechen. Ihr Mund iſt ein wenig zu groß und ſie kann von Glück ſagen, daß ihre Zähne, die man in Folge deſſen oft ſieht, wenn auch nicht„zwei Reihen Perlen,“ ſo doch weiß und regelmäßig ſind. Die Wangen ſind rund und voll, die Naſe iſt in keine beſtimmte Kategorie zu bringen. Das Schönſte an ihr möchte nächſt den großen blauen Augen das hellbraune, reiche Haar ſein, das ſehr kunſtlos und doch geſchmackvoll arrangirt in ſanften Wellen die etwas niedrige, aber feſte, höchſt intelligente Stirn umgiebt. Sophie iſt ſo groß, daß Franz, obgleich ſeine Statur über die mittlere Größe iſt, ſie kaum um Kopfeslänge überragt,— ein

Beweis, wie Sophie meint, daß ſie einigen Anſpruch darauf habe,

zu Jean Pauls„hohen Menſchen“ gerechnet zu werden, obgleich Franz entgegengeſetzter Meinung iſt und behauptet, daß ihr zu dieſer Würde, wenn nicht Alles, ſo doch Einiges fehle, vor allem die Ueber⸗ ſchwänglichkeit im Denken und Empfinden, ohne welche es bei den hohen Menſchen nun einmal nicht gehe und von der bei Sophie kaum eine Spur zu entdecken ſei, es wäre denn am Clavier, wenn der Genius Beethoven's, ihres Lieblingscomponiſten, ihrer Pſyche die ſonſt mangelnden Schwingen leihe. Im Uebrigen will Franz eher eine gewiſſe kühle Nüchternheit der Anſchauungen und des Urtheils an ſeiner Braut diagnoſticirt haben, eine Art von Scheu, aus ſich heraus⸗ zutreten, ein Mißtrauen gegen Alle, die dieſe Scheu nicht beſitzen und unaufgefordert ihre Siegespäans oder ihre Klagelieder anſtimmen,