Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 57

dieſes Kleid von ſich zu ſtreifen, nicht nur das beſte, ſondern auch das einzige Mittel iſt, der öden Qual des Daſeins zu entrinnen.“

Sie waren, von der Landſtraße abbiegend, auf eine Lichtung im Walde gelangt, die mit Moos und Heidekraut dicht überſponnen war⸗ Vor ihnen ſah man über die Wipfel der Tannen weg in die Ebene, aus der ſie emporgeſtiegen waren und weit in das Hügelland hinein; hinter ihnen zog ſich der Wald bergauf höher und höher.— Es war ſtill, lautlos ſtill um ſie her. Lange weiße Fäden wehten durch die dünne klare Luft. Die Blumen waren verſchwunden; die Vögel hatten ihre Lieder, die Cicaden ihr Schwirren verlernt; der Sommer war todt und die Natur ſaß in ſtummem Schmerz an ſeiner Leiche. Selbſt der herbſtliche Sonnenſchein war wehmüthig, wie einer Wittwe Lächeln; das Blau des Himmels matt und krankhaft, wie einer Trauernden verweintes Auge...

Berger hatte ſich auf einen niedrigen Baumſtumpf geſetzt, Oswald ſich neben ihn in das dichte Heidekraut gelagert. In dieſer Waldes⸗ ſtille, die ihn ſo lebhaft an die Forſten von Grenwitz und Berkow und an die ſchmerzlich ſüßen Tage, die er dort verlebt, erinnerte, überkam ihn jener Drang, ſich mitzutheilen, der uns in manchen Momenten mit unwiderſtehlicher Heftigkeit befällt. Wie es den katho⸗ liſchen Chriſten treibt, die tiefverborgenen Geheimniſſe ſeiner Bruſt dem Prieſter, ſeinem perſonificirten Gewiſſen, in's Ohr zu murmeln, ſo trieb es Oswald, dem unglücklichen Mann an ſeiner Seite, in welchem er von Anfang an ſein zweites Ich erkannt hatte, Alles zu veichten, was er erlebt, erſtrebt, gefehlt und geſündigt hatte in dieſer letzten, für ihn ſo ereignißreichen, verhängnißvollen Zeit. Er dachte nicht an Doctor Birkenhains Weiſung, Berger auf jede Art für ſein Schickſal zu intereſſiren, und dem Kranken gegenüber die Rolle eines Arztes zu ſpielen. War er doch ſelbſt ſo krank! Aber, wie es auch in ſeinem Herzen wühlte,— der Mann an ſeiner Seite hatte Schlim⸗ meres erduldet; was er ſich ſelbſt kaum zu geſtehen wagte— ihm⸗ dem Manne, der geſenkten Hauptes in dem dunkeln Labyrinth der Seele umherwanderte und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wußte— ihm durfte er Alles, Alles ſagen. Und, ſtockend im An⸗ fang, und dann immer lebhafter, leidenſchaftlicher erzählte er ihm