Erſter Band. 47
ſtürzte ſich wie im Zorn durch die enge hölzerne Rinne, rüttelte und ſchüttelte aus Leibeskräften an den Schaufeln, und t dann ziſchend und kochend in ärgerlichem Ungeſtüm davon.
Oswald ſetzte ſich der Mühle gegenüber auf das niedrige Gelän⸗ der des Weges und ſchaute lange in das Waſſer hinab, wie es bro⸗ delte und ſchäumte, Wirbel in Wirbel drehend, Welle durch Welle verdrängend. Er dachte an Melitta, wie oft ſie wohl dieſen Weg am Arm„ihres Bruders“ zurückgelegt und an dieſer Stelle, deren maleriſche Schönheit ihrem Blick gewiß nicht entgangen war, verweilt haben mochte.
Er fühlte ſich zum Sterben traurig. Seine Gefühle kochten durcheinander wie die Waſſer zu ſeinen Füßen, ſeine Gedanken wir⸗ belten und kreiſten, wie die Schaumblaſen auf den Wellen. War denn der Haß nicht ſo blind, wie die Liebe? gab es denn ein Recht und ein Unrecht? Die Welt ſollte ein Kosmos ſein? ja, für den, deſſen Blick nur immer auf der glatten Oberfläche des Fluſſes weilt, da wo er zwiſchen ſchattigen Bäumen über ebenen Boden luſtig dahin⸗ ſtrömt; aber auch für den, der in ſeine Tiefe dringt, wo alles chaotiſch durcheinander brauſt und rauſcht? Auf, auf! zu ihm, dem Mann der Schmerzen! er hat in des Lebens Tiefe geblickt; er ſoll mir ſagen, was er da erſchaute, welche Larven und Geſpenſter, daß er voll Schauder und Grauſen das edle Antlitz verhüllte!...
Oswald ſprang wieder auf und ging den Weg, der jetzt immer ſteiler wurde, hinauf, bis er an ein großes Gebände kam, das, etwas von der Straße entfernt, auf einer mäßigen Anhöhe zwiſchen Gärten und Nebengebäuden gelegen und von einer hohen Mauer auf allen Seiten umgeben, für die Wohnung eines Privatmannes zu ſchloßartig und für ein Schloß zu gefängnißmäßig ausſah. Es war Doctor Birkenhains Anſtalt.
Nicht ohne Herzklopfen klingelte Oswald an der verſchloſſenen eiſernen Gitterthür. In dem Pförtnerhäuschen öffnete ſich ein Fen⸗ ſter; der Pförtner ſchaute heraus und fragte nach ſeinem Begehr.
Oswald wünſchte Doctor Birkenhain zu ſprechen.
„Sind Sie ſchon gemeldet?“
„Ja.*


