20 Durch Nacht zum Licht.
gehalten wurden. Die immer ſchriller kreiſchende Clarinette und die immer lauter donnernde Pauke verkündeten, daß der große Augenblick gekommen ſei, in welchem der berühmte Acrobat, Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt,„die fliegende Taube,“ ſein,„vor allen Potentaten Aſiens und Europas mit unfäglichem Beifall producirtes Kunſtſtück, eine an der Spitze eines vierhundert Fuß hohen Thurmes befeſtigte Fahne auf dem durchaus ungewöhnlichen Wege eines aus⸗ geſpannten Seiles herabzuholen und dieſelbe auf demſelben ungewöhn⸗ lichen Wege rückwärts ſchreitend zurückzubringen, vor einem hohen Adel und kunſtliebenden Publikum Fichtenaus mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszuführen die Ehre haben werde.“
Nun war freilich aus dem vierhundert Fuß hohen Thurm, wel⸗ chen die Zettel an den Straßenecken verkündet hatten, eine vierzig Fuß hohe Eiche geworden; und die Feinde und Neider„der fliegen⸗ den Taube,“ welcher große Künſtler hätte keine Gegner! behaupteten, daß durch dieſe Abänderung des Programms das Wagſtück an Ge⸗ fährlichkeit ebenſo verliere, wie an Intereſſe. Aber war es Herrn John Cotterby's aus Aegypten Schuld, daß die Kaiſerlichen im dreißigjährigen Kriege den Thurm der kleinen Kirche am Markt bei einer Belagerung Fichtenaus, das von den Schweden beſetzt gehalten wurde, herunterkanonirten? daß die Väter der Stadt ſchon ſeit zwei Säculis alljährlich beſchloſſen, dieſen Thurm wieder aufzubauen, ſo⸗ bald einmal beſſere Zeiten für Fichtenau kämen? und ſchließlich, daß dieſe Zeiten noch immer nicht gekommen waren, die Kirche am Markt zum mindeſten bis auf dieſen Tag noch ohne Thurm daſtand? Ge⸗ wiß, wenn das Gewiſſen„der fliegenden Taube“ von jeder andern Schuld ſo rein war, wie von dieſer, ſo konnte er ohne Zagen ſein vor allen Potentaten der Erde ausgeführtes Kunſtſtück, auch trotz der Abweichung vom Programm, vor einem hohen Adel und kunſtſinnigen Publikum von Fichtenau, ohne zu erröthen, ausführen!
Und ohne zu erröthen, man hätte denn den Carmin der Schminke für die natürliche Farbe der Scham nehmen müſſen, erſchien jetzt unter dem Quinquiliren der Clarinette und dem Tam⸗tam der Pauke, zu denen ſich in dieſem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines Triangels und das Kreiſchen einer verſtimmten Fiedel geſellte,


