Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 21

auf dem kleinen, mit ſchmutzigen Laken behangenen Schafott, dem irdiſchen Ausgangspunkt ſeiner himmliſchen Reiſe,die fliegende Taube, ein hübſcher, prächtig gewachſener Burſch mit dunkelm, von einem ſchmalen Meſſingreif, zuſammengehaltenen Lockenhaar, gekleidet in das etwas ſchmutzig gewordene Unſchuldweiß enganliegender Tricots und eines dito Wammſes, auf deſſen Schulterſtücke zwei Flügel ge⸗ näht waren, die ſchon manchen Flug geflogen und in Folge deſſen eine und die andere Feder verloren zu haben ſchienen.

Ein ermuthigender Beifallsruf, in welchem das Ziſchen der Gegner ungehört verhallte, begrüßte den großen Künſtler, der ſich nach allen Seiten mit jener Grazie verbeugte, die ein ausſchließliches Geheimniß von Kunſtreitern, Seiltänzern und ſonſtigen Angehörigen der luftigen Gilde, und für jeden andern Sterblichen unnachahmlich iſt. Aber der Beifallsruf verſtummte, als jetzt gegen Aller Erwarten eine unförmlich dicke Geſtalt, welche ſich durch eine weiße Zipfelmütze, große blaue Schürze, und vor allem durch eine unförmliche purpur⸗ rothe Naſe, für jeden Einſichtsvolleren wenigſtens, als Bierwirth oder dergleichen, darſtellte, hinter dem ſich verbeugenden Künſtler auf das Schafott geklettert kam, ihm derb zwiſchen die Ikarusflügel auf den Nacken ſchlug und ihm einen ellenlangen Streifen Papier präſentirte, der unter dieſen Umſtänden kaum etwas Anderes, als eine unbezahlte Rechnung ſein konnte.

Der Künſtler, wäre er ſonſt ein Künſtler geweſen! ſchien durch dieſes unerwartete Hereinbrechen der derben Realität in die heitern Gefilde der Kunſt in die bitterſte Verlegenheit geſetzt zu wer⸗ den. Eine pantomimiſche Scene folgte, in welchem die fliegende Taube durch häufiges Achſelzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen ſeiner Tricots, wo bei Beinkleidern, die in größeren Dimen⸗ ſionen angelegt ſind, die Taſchen zu ſitzen pflegen, ſeine von Jeder⸗ mann ohne weiteres zugeſtandene Zahlungsunfähigkeit zu betheuern und durch Händeringen und flehentliche Geberden den plumpen Wirth zu chriſtlicher Nachſicht zu ermahnen ſchien, während dieſer durch ſchreckliche Grimaſſen und wiederholtes Schlagen mit der Fauſt in die Fläche der Hand ſeine unerbittliche Hartherzigkeit genugſam an den Tag legte.