Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. 17

wußte an der Seite des todtkranken Gatten; wo er von Fichtenau aus ihre Briefe erhielt, in welchen jedes Wort ein ſehnſuchtsvoller Kuß war. Da war ihm Fichtenau abwechſelnd wie das Grab und die Wiege ſeines Glückes erſchienen, je nachdem er durch Herrn von Berkow's Tod die Hinderniſſe einer Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt, oder ſich von ihr gerade durch dieſes Er⸗ eigniß für immer getrennt ſah. Dann kam der unſelige Tag, wo er erfuhr, daß der Mann, in welchem er von vornherein inſtinctiv ſeinen gefährlichſten Nebenbuhler erkannt hatte, ſich bei Melitta be⸗ fand; als böſe Zungen ihm die gehäſſigſten Auslegungen dieſes auf⸗ fallenden Schrittes in's Ohr ziſchelten, und er, der Unglückliche, dieſen anſtößigen Verleumdungen mit nur zu willigem Ohr lauſchte, weil er ſelbſt ſchon an ſeiner Liebe zum Verräther geworden war, weil er, wie ein Schiffbrüchiger, der, ſich und ſeinen Raub zu retten, den beſten Freund mitleidslos von dem ſchaukelnden Brette in die Tiefe ſtößt, Melitta opferte, um ſeine neue Leidenſchaft für die ſchöne Helene vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen. Und endlich, um das Maß voll zu machen, dem Verſtörten, von tauſend qualvollen Gefühlen Zerriſſenen, gleichſam den Beweis zu liefern, daß die ganze Welt aus den Fugen ſei und es auf eine Verirrung mehr oder weniger nicht ankomme, mußte dieſer Ort, wo, wie er wähnte, das vor kurzem noch ſo heiß geliebte Weib ſich in den Armen eines geiſtreichen Rous's für die Augenblicke, die ſie an dem Sterbebette ihres Ge⸗ mahls zubrachte, entſchädigte, derſelbe Ort ſein, wohin man den von ihm ſo hochverehrten Freund und Lehrer brachte, als ſein Genius die ſtrahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnſinns ausgelöſcht hatte. Da und beſonders, als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den Knaben raubte, den er mit brüderlichſter Liebe umfing und ſein Verhältniß mit der hochadeligen Familie auf eine ſo eigenthüm⸗ liche Weiſe gelöſt wurde als er den Nebenbuhler von ſeiner Kugel auf den Tod verwundet, zu ſeinen Füßen liegen und er ſich von dem geliebten Mädchen, und wäre es nicht aus tauſend anderen Gründen, ſchon durch dieſe That für immer getrennt ſah da war ihm zu Sinnen, als ob es für ihn auf Erden keine paſſendere Zu⸗ fluchtsſtätte gebe, als eine Zelle neben der ſeines Freundes und Fr. Spielhagen's Werke. R. 2