Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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16 Durch Nacht zum Licht.

lichen Weiſe beſchämt. Denn das Antlitz der Wahrheit iſt ſtreng und flößt dem, welcher ihr nicht mit Hintanſetzung aller individuellen Neigungen, mit ganzer Seele anhängt, ein Grauen ein.

So gingen ſie ſchweigend nebeneinander her, bis ſie den Gipfel des Berges und zugleich den Wagen erreichten, der dort oben ihrer harrte. Sie ſtiegen wieder ein, und bergab ging es jetzt in raſchem Trabe dem Städtchen zu, das in dem Buſen eines von waldum⸗ kränzten Bergen ringsum eingeſchloſſenen Thales, ſchon in duftiges Abendgrau gehüllt, zu ihren Füßen lag. Es war das Ziel ihrer heutigen Fahrt und wenigſtens für Oswald, der ganzen Reiſe der Badeort Fichtenau, weit und breit berühmt durch ſeine reizende Lage, durch ſeine ſtärkenden Fichtennadelbäder und in neueſter Zeit durch die große und trefflich geleitete Anſtalt für Geiſteskranke, welche der intelligente und in der Pſychiatrie viel erfahrene Doctor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegründet hatte.

Es waren wunderliche Empfindungen, die Oswalds Herz er⸗ füllten, während er, in ſeine Ecke gelehnt, Bäume und Felſen an ſich vorbeitanzen und ſich mit jedem Hufſchlag der Pferde auf dem ſteinigen Boden dem Orte näher geführt ſah, mit dem ſich in den letzten Monaten ſeine Gedanken ſo viel und ſo peinlich beſchäftigt hatten. Wie gleichgültig war der Name deſſelben an ſein Ohr ge⸗ klungen, da er ihn zuerſt in Grenwitz, als des Aufenthaltsorts von Melitta von Berkows krankem Gemahl, erwähnen hörte! Kannte er doch da Melitta noch nicht, wußte er doch noch nicht, daß er wenige Tage ſpäter in den Feſſeln der Liebe dieſes liebenswürdigen Weibes ſchmachten würde! Dann hatte er, obgleich ſelten und immer nur mit Widerſtreben ausgeſprochen, den Nainen von ihren Lippen vernommen und der Ort hatte für ihn in ſeiner damaligen ſeligen Stimmung die unheimliche Bedeutung gewonnen, wie für den Beſitzer eines herrlichen, prachtvollen Hauſes ein dunkles Zimmer, das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern ſpricht, weil ſich vor Jahren einmal eine ihm naheſtehende Perſon darin entleibt hat. Dann war die Zeit gekommen, wo Melitta, Doctor Birken⸗ hains Einladung folgend, ihren ſterbenden Gemahl zu beſuchen ging dann die peinlichen, ſchlimmen Tage, wo er ſie in Fichtenau