Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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Erſter Band. g

mich that, als ſonſt die Eltern zuſammen für ihr Kind thun, obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte ſo glaube ich doch nicht, daß er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein ſpiritualiſtiſcher Menſch. Entweder war ſein Herz einmal in ſeinem Leben tödtlich getroffen von einem Schlage, den es nie wieder überwand, oder er hatte auf der Retorte ſeines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt. Er that, was er that, aus Pflicht, aus Ueberzeugung des Rechten; denn, wie er ſelbſt ſagte: die Gerechtigkeit ſteht über der Liebe; ſie leiſtet Alles, was die Liebe leiſten kann und doch noch ein gut Theil mehr.

Mehr und auch nicht ſo viel, warf Franz ein;was wir für geliebte Menſchen aus Neigung thun, ſollen wir für die andern aus Gefühl des Rechts thun, d. h. aus der Ueberzeugung, daß die In⸗ tereſſen aller Menſchen ſolidariſch ſind. Liebe und Gerechtigkeit ver⸗ halten ſich wie Individuum und Gattung. Die eine darf ohne die andere nicht ſein, denn wir brauchen ſie beide. All die tauſend klei⸗ nen Zärtlichkeiten, mit denen wir geliebte Menſchen überſchütten, kann die Gerechtigkeit uns nicht lehren, ebenſo wie uns die individuelle Liebe überall da im Stich läßt, wo es ſich um die Andern, d. h. um die Genoſſenſchaft, die Nation, die Menſchheit handelt.

Sie mögen Recht haben, erwiderte Oswald;und das erleich⸗ tert mir auch ein Geſtändniß, welches ich ſo eben thun wollte. Ich ehrte meinen Vater hoch, aber ich liebte ihn nicht; ja ich emnpfand oft worüber ich mir freilich erſt viel ſpäter klar geworden bin eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem ſonderbaren Mann. Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber, ſeitdem ich eingeſehen habe, daß zwei grundverſchiedenere Weſen, wie meinen Vater und mich, die Natur nicht leicht ſchaffen kann. Wir waren uns körperlich ſo unähnlich, wie wir es an Gemüthsart und Neigun⸗ gen waren. Ich liebte ſchon als Knabe leidenſchaftlich Glanz und Pracht und alles, was ſchön iſt in Natur und Menſchenwelt. Ich begeiſterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden, die ſich des Jugendſchmuckes blonder Locken, rother Wangen und leuchtender Augen erfreuten; ich verkehrte gern in den Häuſern, wo es, nach meinen damaligen Begriffen, fein und vornehm herhing. Ich hielt