Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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8 Durch Nacht zum Licht.

näherem Verhältniß ſtand, als einem ehrlichen Chriſtenmenſchen lieb

iſt. Hätte er zweihundert Jahre früher gelebt, würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeiſter und Zauberer verbrannt haben.

Allerdings muß ich geſtehen, daß der gebildete und ungebildete Pöbel nicht ſo ganz Unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Anſichten zutraute, die in das Hirn eines gewöhnlichen Menſchen nicht paſſen. Er hatte die unſäglichſte Verachtung vor allem Auto⸗ ritätsglauben, da er ſich durch denſelben in der Freiheit ſeines Den⸗ kens beeinträchtigt ſah, und einen glühenden Haß gegen alle weltliche Tyrannei, weil ſie die Freiheit ſeines Handelns aufhob. Er erklärte die Republik für die einzige Staatsform, unter der ſich ein Mann, der den richtigen point d'honneur habe, glücklich fühlen könne. Jede Bevorzugung des Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen ſei eine Ungerechtigkeit, die nur durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieſer erklärlich werde. Zwiſchen einer Schaf⸗ heerde, die ſich von einem ſtumpffinnigen Knecht und einem biſſigen Köter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, daß ſich von einer, im Verhältniß unendlich geringen Anzahl Menſchen gängeln und hudeln laſſe ſei der Unterſchied am Ende ſo gar groß nicht; nur daß die Menſchen ihrer Schande ein hübſches Mäntelchen umhängten, wozu die Schafe allerdings nicht im Stande ſeien.

Vor allem grimmig war der Haß, mit der mein Vater den Adel haßte. Er verfügte über ein gänzes Lexikon von ſchmähenden Bei⸗ wörtern, ſobald er auf dieſen Stand zu ſprechen kam. Nie ſetzte er einen Fuß in das Haus eines Adligen, und Schüler von Adel, die ſich bei ihm meldeten, wurden ohne alle Umſtände zurückgewieſen. Einmal, als wir mit der Piſtole nach der Scheibe ſchoſſen eine Fertigkeit, in der er excellirte ſagte er mir, daß er in jüngeren Jahren gehofft habe, ſich durch eine Kugel an einem Adligen zu rächen, der ihn tödtlich beleidigt hatte. Unglücklicherweiſe ſei der Mann vor der Zeit geſtorben. Das iſt die einzige Andeutung, die ich je von meinem Bater über ſein früheres Leben gehört.

Und in dem faſt ausſchließlichen Umgange mit dieſem Manne bin ich aufgewachſen. Wunderlich, wie er ſelbſt, war auch das Ver⸗ hältniß, das zwiſchen uns ſtattfand. Obgleich mein Vater mehr für