Teil eines Werkes 
10. Band, Durch Nacht zum Licht : (Fortsetzung von: Problematische Naturen) : 1. Band (1867)
Entstehung
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10 Durch Nacht zum Licht.

ſehr viel auf meinen Anzug und hörte es gar nicht ungern, daß die Frauen mich einen hübſchen Jungen nannten.

Sie können ſich denken, wie wenig im Grunde ein Burſche mit dieſen Neigungen und Bedürfniſſen zu der Geſellſchaft eines ein⸗ ſamen menſchenſcheuen Hyponchonders paßte, deſſen Lebensweiſe er natürlich halb und halb zu theilen gezwungen war. Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit ließ, die mit ſeinen ſonſtigen ſtrengen Anſichten nicht recht in Einklang zu bringen war, obgleich er meinen ariſtokratiſchen Neigungen für ſchöne Kleider und den Comfort des Lebens in einer Weiſe nachgab, die mir noch bis auf dieſe Stunde unbegreiflich iſt, ſo wußte ich doch, daß ich ihn durch dieſe meine Sympathien für eine Welt, die er verabſcheute, auf's innigſte kränkte, und gab mir deshalb Mühe, an dem Leben möglichſt wenig Ge⸗ ſchmack zu finden. Das gelang mir um ſo eher, als ich ſehr bald in der Einſamkeit, zu der ich mich im Anfang nur mit Widerſtreben verurtheilte, eine Quelle entdeckte, durch welche die ödeſte Wüſte in das blühendſte Paradies umgeſchaffen wird ich meine die kaſtaliſche Quelle der Poeſie.

Wir bewohnten ein kleines Haus, deſſen hintere Mauer ein Theil der Stadtmauer war. In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenſter durch die ellendicke Mauer durchgebrochen, ſo daß das Ganze einem Gefängniſſe ähnlicher ſah, als irgend etwas Anderm. Und doch, welche ſeligen Stunden habe ich hier in dieſem Stübchen verlebt! Aus meinem Fenſter hatte ich einen unbegrenzten Blick über Wall und Graben der Stadt weg, auf glatte, mit ſchönen Baum⸗ gruppen garnirte Teiche, über ſaftige, hier und da mit Weiden be⸗

wachſene Wieſen bis zu dem Meere, von dem ein dunkelblauer.

Streifen durch die grünen Bäume herüberblitzte.

Hier an dieſem Fenſter ſaß ich des Sommerabends, wenn die Sonne, wie dort, ſtrahlend und herrlich unterging, das Herz bis zum Ueberfließen voll von chaotiſchen Gefühlen, und in dem Hirn Gedanken ſpinnend, ſo bunt und ſchön und ach! auch ſo vergänglich wie Seifenblaſen. Ich erinnere mich noch an ein paar Verſe aus einem Gedicht, das ich als Student an einem trüben Herbſtabend in der Reſidenz machte, während ich, in dumpfes Brüten verloren,