Dritter Band. 225
die, mit Geduld ertragen, ſie in ihren eigenen Augen zur Dirne, oder wenn ſie dieſelbe fortwühlen und fortbrennen ließ, zur Furie machte.—„Er oder ich, oder wir Beide!“ Das war der eintönige Geſang, den ihr jede Stunde krächzte, das war die Melodie, nach der ſie den Dolch geſchliffen hatte, den ſie ſeit jenem Tage beſtändig am Buſen unter ihren Kleidern verborgen trug. Sie wußte, daß der Obriſt ſterben werde, ſelbſt in dem Falle, daß ihr Racheplan miß⸗ glücken ſollte. Cajus hatte ihr mit finſterm Lächeln geſagt, daß er wegen einer alten Schuld, die nur mit Blut bezahlt werden könne, abzurechnen habe mit dem Obriſt; ſie hatte jetzt nur die eine Furcht, daß Cajus ihr zuvor kommen könne, ſie um die Wolluſt vollbrachter Rache betrügen könne. Jetzt zürnte ſie ſich, daß ſie abermals nicht vermocht hatte, dem Feinde Verzeihung zu heucheln. War das doch der erſte Schritt zum Ziel! ſie hatte nicht gedacht, daß dieſer erſte Schritt ſo furchtbar ſchwer ſei! aber bei dem Anblick jenes Mannes war es, als ob der Wahnſinn ſie packe. Sie drückte die Hände gegen die klopfenden Schläfen, raffte ſich dann mit einem gewaltſamen Ent⸗ ſchluß empor und trat dem Lieutenant von Todwitz entgegen, der ſeine ſchöne Tänzerin voller Verzweiflung überall in dem Saale ſuchte. Sie hatte ihm einen Contretanz verſprochen, und nun ſchmetterte die Muſik bereits von der Gallerie herab, die Paare waren ſämmtlich ſchon angetreten; er war ſo ſtolz im Vorgeſchmack eines Glückes ge⸗ weſen, das ſeinem jungen Rufe die Krone aufſetzen mußte— ſein Entzücken, Antonien endlich gefunden zu haben, war grenzenlos. Dieſer Contretanz— es ſollte der letzte Tanz vor dem Souper ſein— vereinigte alle Schönheiten des Abends. Camilla, die von ihrem Gemahl geführt wurde, ſchien in Anbetracht, daß der Prinz felbſt ihr vis-àvis war, ein Unglück, welches ſie unter andern Um⸗ ſtänden ſehr ſchmerzlich berührt haben würde, ziemlich leicht zu neh⸗ men. Sie ſchwebte dem Prinzen mit dem huldvollſten Läch n ent⸗ gegen und hatte für die Unterhaltung ihres Gemahls offenbar kein Ohr. Der Geheimrath war außer ſich. Die Verachtung, mit der ihn ſeine junge Gemahlin behandelte, war ſo offenbar, daß er den Leuten dankbar ſein mußte, wenn ſie ihm nicht geradezu in's Geſicht
lachten. Sein Herz ſchwoll von Bosheit und Eiferſucht über; er Fr. Spielhagen's Werke. MR. 15
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