Teil eines Werkes 
9. Band, Die von Hohenstein : Roman : 3. Band (1867)
Entstehung
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Dritter Band. 2

die Vielen wo möglich zu verewigen. Hemmte dieſelbe falſche Schaam, die ihn abhielt, auch äußerlich ſich aus einem Zuſtande zu befreien, dem er ſich innerlich vollſtändig entwachſen fühlte, nicht Millionen und aber Millionen Menſchen an der naturgemäßen Entfaltung ihrer Kräfte? war es nicht unwürdig, unverzeihlich, frevelhaft, dieſe heiligen unwiederbringlichen Kräfte dem Moloch des Scheins ſelaviſch zu opfern? Warum durfte dieſer Moloch überall in den Familien, in der Geſell⸗ ſchaft, im Staat ſein ſcheußliches Haupt ſo frech erheben? Dieſem Moloch war ſeine Mutter geopfert; dieſem Moloch zu gefallen, hatte ſein Vater ſich der ſchlimmſten Undankbarkeit gegen Onkel Peter ſchuldig gemacht, hatte ſich in Verlegenheiten über Verlegenheiten ge⸗ ſtürzt, aus denen jetzt kein Entrinnen mehr ſchien; dieſem Moloch zu gefallen, war er ſelbſt aus einem Studium geriſſen, das ihm Freude und Genugthuung gewährt hatte, um ſein Leben in einem geſchäftigen Müßiggange zu verdämmern; dieſem Moloch zu gefallen, geſchah, was nur immer in der Familie Hohenſtein geſ chah; man intriguirte für ihn, man log für ihn, man betrog für ihn, man verkaufte ſeine Ueberzeugungen, ſeine Grundſätze, verrieth einander, heuchelte Liebe, verbarg den Haß, prahlte mit Tugenden, die man nicht hatte, bedeckte ſich mit Schande bergehoch! Dieſem Moloch zu gefallen, mußte der Arme ein Leben führen, das ihn nie und in keinem Augenblick zum Gefühl der Men⸗ ſchenwürde kommen ließ; mußte der Vornehme in Lüſten ſchwelgen, die ihn unter das Thier erniedrigten; dieſem Moloch zu gefallen, mußte der Staat eine Domäne der Fürſten und ihres Anhangs ſein; mußten ſich die natürlichen Berufsarten in unnatürliche Kaſten theilen, die ſich möglichſt von einander abſchloſſen, und von denen die Be⸗ vorzugten das Emporſtreben der Jahrhunderte lang Unterdrückten, achtungslos und grauſam zurückwieſen! Dieſem Moloch zu Liebe mußte das arme Vaterland, eine bequeme Beute für die mächtigen Feinde, hülflos daliegen und ſich von den winzigſten Nachbarn ver⸗ höhnen, mußte im Innern ſich von der Wuth der Parteien zerfleiſchen laſſen. Dieſem Moloch zu Liebe wurde das Blut ſeiner beſten Söhne auf unrühmlichen Schlachtfeldern nutzlos vergoſſen; wurden in noch unrühmlicheren Straßenkämpfen ſo viele brave Herzen von bruder⸗ mörderiſchen Kugeln durchbohrt...