Teil eines Werkes 
9. Band, Die von Hohenstein : Roman : 3. Band (1867)
Entstehung
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24 Die von Hohenſtein.

Der Tod der geliebten Mutter war der erſte große Schmerz, den Wolfgang erfuhr, und, wenn dies Ereigniß ſchon zu jeder Zeit von erſchütternder Wirkung auf ihn geweſen wäre, ſo traf es ihn jetzt, wo ſein Gemüth durch mancherlei Umſtände ohnehin gedrückt und ver⸗ düſtert war, mit doppelter Gewalt. Er war Tage lang in einem Seelenzuſtand, der Allen, welche die wechſelſeitige Liebe zwiſchen der Mutter und dem Sohne nicht gekannt hatten, unbegreiflich erſchien; und auch als der erſte brennende Schmerz ſich ausgetobt hatte, war ſeine Schwermuth noch immer der Art, daß ſie Denen, die ihn liebten, die ernſtlichſten Beſorgniſſe einflößte. Aber die Welt mit ihren tauſend⸗ fältigen Anforderungen ſiegte endlich doch über die Selbſtvernichtungs⸗ luſt, mit welcher der unglückliche junge Mann in ſeinem Schmerze wühlte, und zwang ihn, der für ſich ſelbſt aller Freude am Leben, ja dem Leben ſelbſt entſagt zu haben ſchien, theilnehmend an dem Leben der Andern, für die Andern zu leben.

Zuerſt für ſeinen Vater, mit dem ſeit dem Tode Margarethen's eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Dem Anſcheine nach hatte ſich freilich der Stadtrath mit ſeiner gewöhnlichen Elaſti⸗ cität ſchon nach wenigen Tagen von dem Schlage vollkommen erholt. Er ging wieder ſeinen alten Beſchäftigungen nach; er beſuchte wieder die alten Vergnügungsörter; er kleidete ſich mit der alten Sorgfalt, ja faſt noch ſorgfältiger als zuvor; aber, wer ihn genauer beobachtete, konnte die Wahrnehmung machen, daß er dies und alles Andere ohne alle Theilnahme that, nur weil es ſchicklich und ſeiner Gewohnheit gemäß war. Es war, als ob ſeine Kraft nur eben noch ſo weit reiche, ihm die Aufrechterhaltung des ſchönen Scheines, dem er ſein Leben lang gehuldigt hatte, möglich zu machen. Er ſprach in den Magiſtratsſitzungen noch ſo häufig wie ſonſt, aber ein Sieg bei der Abſtimmung brachte ihn nicht mehr wie ſonſt in freudige Aufregung, ſo wenig, wie ihn eine Niederlage, die ihm früher äußerſt empfindlich war, zu ſchmerzen ſchien. Er unterhielt ſich beim Herausgehen aus der Sitzung in ſeiner verbindlichen Weiſe mit ſeinen Bekannten und Parteigenoſſen, dem Stadtrath Heydtmann u. Comp., dem Senator Weſtermeier und anderen Finſterlingen und mehr oder weniger fana⸗ tiſchen Reactionairen, aber ſeine Späße waren froſtig und ſein Lächeln