Teil eines Werkes 
9. Band, Die von Hohenstein : Roman : 3. Band (1867)
Entstehung
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Dritter Band. 23

Drittes Capitel.

Es muß ſich Alles, Alles wenden! Wie oft ſagte ſich Wolf⸗ gang das tröſtliche Wort, während der Frühling mit jedem Tage blauer und duftiger über der neuverjüngten Erde aufleuchtete und aufblühte; wo oft, ohne Troſt zu finden, bis er zuletzt den Glauben an die frohe Botſchaft verlor. Konnte der Frühling wenden, was unabänderlich war? konnte der Frühling, der die Bäume und Büſche wieder mit zarteſtem Laube ſchmückte, und den Vögeln die alten, ewig jungen Lieder wieder gab, das geliebte Weſen zurückbringen, das zwiſchen dieſen Büſchen, unter dieſen Bäumen ſo gern gewandelt war? das dieſen einfachen Weiſen immer mit ſo inniger Freude, mit ſo rührender Anvacht gelauſcht hatte? Kann dieſer roſige Blüthen⸗ ſchnee die Spur der Theuren verwiſchen? kann das Säuſeln des Windes in den ſchwankenden Zweigen die Erinnerung der lieben ſanften

Stimme verwehen, die, wie einer Gottheit Stimme, in die Morgen⸗ dämmerung ſeines Geiſtes die erſten Worte der Liebe ſprach? Iſt

der Tod deshalb weniger furchtbar, weil er ein Räthſel iſt, deſſen Geheimniß zu begreifen unſer Scharfſinn zu ſtumpf, deſſen Schrecken auszumalen unſre Phantaſie zu lahm, deſſen Bild feſtzuhalten unſer Gedächtniß zu matt iſt? Sind wir heute weniger unglücklich, weil wir wiſſen, daß wir ein paar Jahre ſpäter lachen und ſcherzen werden, als wäre uns nie eine Mutter geſtorben? oder ſind wir nicht doppelt elend in dem kläglichen Bewußtſein, nur der Oberflächlichkeit unſres Weſens die Möglichkeit des Lebens zu verdanken? Unſelige Menſch⸗ heit, die Du die Livree Deiner Erbärmlichkeit wie ein Ruhmeskleid trägſt, aus der Noth eine Tugend und aus der Bedürftigkeit eine Religion machſt! Reſignation, Ergebung in das Schickſal, immer die⸗ ſelbe Miene und immer dieſelbe Stirn! ja wohl! immer dieſelbe Phariſäermiene, die zu den frivolen Regungen des eigenen Herzens heiligen Beifall lächelt! immer dieſelbe eherne Stirn, die dem Himmel gleicht, unter dem die Erde mit ihren Blumen verdurſtet!...