Teil eines Werkes 
8. Band, Die von Hohenstein : Roman : 2. Band (1867)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Der Eintritt Ottiliens unterbrach dieſen Wortwechſel. O hatte nicht gedacht, daß außer Tante Bella Jemand im Zimmer ſei. Sie würde es ſonſt vermieden haben, gerade jetzt zu erſcheinen, wo ſie in der ſchmerzlichſten Aufregung mit verweinten Augen von dem Sarge der geliebten Todten kam. Tante Bella ſah das Alles; ſie ſah auch, wie die jungen Damen von Hohenſtein mit jenem Blick von oben herab, den nur ganz wohlerzogene junge Damen blicken können, die Erſcheinung Ottiliens muſterten, und die Präſidentin von ihrer Lorgnette Gebrauch machen mußte, während Selma, um den ver⸗ wirrten Gruß der Erröthenden nicht erwidern zu müſſen, über ſie fort nach einem Gemälde an der Wand ſtarrte.

Tante Bella winkte Ottilie zu ſich und ſagte:

Willſt Du Dich zurecht machen, Kind? und mir meinen Mantel in der Küche durchwärmen? Thue es aber ſelbſt!

Warum ſchicken Sie die Kleine fort? fragte die Präſidentin.

Um ſie nicht länger den unfreundlichen Blicken dieſer Geſell⸗ ſchaft auszuſetzen; ſagte Tante Bella.

Wir hätten beſſer gethan, wenn wir zu Hauſe geblieben wären, mes enfants; ſagte die Präſidentin.

Ja, das weiß der Allmächtige! ſagte Tante Bella, einen Schritt vortretend und gegen die vier Damen von Hohenſtein Front machend. Warum ſind Sie gekommen? aus Liebe zur Todten wahrhaftig nicht, denn Sie haben ſie, ſo lange ſie lebte, verachtet und verhöhnt. Ja, meine ſchönen jungen Damen, rümpfen Sie nur immer Ihre Naſen! ja, meine gnädige Frau, ſehen Sie mich nur ſo grimmig an, wie Sie wollen. Auf mich macht das keinen Eindruck! ich habe einen härteren Kopf als meine arme Margareth hatte; ſonſt würde ſie Ihnen geſagt haben, was ich Ihnen jetzt ſage. Sie würde Ihnen geſagt haben: laßt mich in Ruh' mit Eurer falſchen Freundlichkeit, die mich mehr ängſtigt, als wenn Ihr Euch in Eurer wahren Geſtalt zeigtet! laßt mich in Ruh'! ich fluche Euch nicht, obgleich Ihr der Fluch meines Lebens geweſen ſeid! ich haſſe Euch nicht, obgleich Ihr mir geraubt habt, was mir das Theuerſte war auf dieſer Welt! ich will nichits von Euch als Ruhe im Leben und im Grabe, Ruhe vor Euch: den Stolzen, Hochmüthigen, Hartherzigen. Ja, ja, meine ſchönen Damen!