256 Die von Hoheüſten
die er ſeit der Todesnacht verſunken war, ſich um Nichts bekümmerke, alle nöthigen Anordnungen getroffen, und dem armen Wolfgang ſo eine große Laſt abgenommen. Auch an dieſem Morgen war ſie früher als die Andern gekommen, und hatte dafür geſorgt, daß Wolfgang ſo viel als möglich allein blieb.
„Laß mich nur machen, Wolf!“ ſagte ſie;„bekümmere Dich um Nichts, um gar Nichts! ich will ſchon das Nöthige beſorgen, und wenn, woran ich übrigens zweifle, die Damen kommen ſollten, ſo will ich ſie in Deinem Namen empfangen. Geh' nur, armer Wolf!“
Wer den tiefen Abſcheu kannte, welchen Tante Bella vor„den Damen“ hatte, würde den Hervismus, mit welchem ſie ſich erbot, den verhaßten ein freundliches, zum mindeſten nicht ihr wahres Geſicht zu zeigen, bewundert haben. Es war das größte Opfer, das Tante Bella ihrer Liebe zu Wolfgang bringen konnte. Sie war entſchloſſen, ihr Herz zu bändigen, und in dieſer entſchloſſenen Stimmung ging ſie den„Damen“ entgegen, die in dem Augenblick anlangten, als Ottilie, die mit Onkel Peter kurz vorher gekommen war, eben das Zimmer verlaſſen hatte.
Leider waren„die Damen“ in jener Laune, in welcher Conflicte ſo leicht entſtehen, und, wenn ſie einmal entſtanden ſind, meiſtens einen ſo ſehr bösartigen Charakter annehmen. An dieſer üblen Laune mochten die ungewöhnlich frühe Stunde und das ungewöhnlich ſchlechte Wetter einen nicht unbedeutenden Antheil haben; den bedeutenderen aber hatte wohl das Benehmen, welches Wolfgang in dieſen Tagen beobachtet hatte. Wolfgang hatte ſich nicht nur nicht ſehen laſſen, er hatte geradezu geſchrieben, daß er ſich außer Stande fühle, der Ein⸗ ladung ſeiner Schwiegermutter,„in ihrem ſtillen gemüthlichen Salon eine harmloſe und doch wohlthätige Zerſtreuung zu ſuchen,“ nach⸗ kommen zu können. Die Präſidentin war indignirt; die Obriſtin fand Wolfgangs Betragen abſcheulich; ſelbſt Aurelie, die für gewöhnlich ſeine Partei nahm, meinte, daß er, wie es ihr ſcheine, ſie(die Damen von Hohenſtein) etwas cavaliörement behandle; nur Fräulein Camilla enthielt ſich, wie ſie das in ſolchen Fällen zu thun pflegte, jeder Be⸗ merkung— aus„Delicateſſe,“ wie ihre Mama, aus Gleichgültigkeit, wie Aurelie behauptete.


