„Nun geh', Du Liebe!“ ſagte Wolfgang, die Weinende mit ſanfter Gewalt aus dem Zimmer führend.
Wolfgang blieb. Er hatte vor dem Hauſe mehrere Wagen vor⸗ fahren hören. Der Augenblick, wo man den Sarg ſchließen würde, mußte bald kommen. Er blieb, zu wachen, daß keine plumpe Hand dieſe Heilige berührte. Er ſelbſt, den ſie zum Licht dieſer Welt ge⸗ boren hatte, wollte ſie der ewigen Nacht übergeben.
Unterdeſſen hatten ſich die Zimmer der andern Seite, die von dem Stadtrath bewohnt wurden, mit einer Menge von Herren gefüllt, zum größeren Theil Collegen des Stadtraths: Heydtmann u. Comp. und andere ſpeciellere Freunde; auch der dicke Oberbürgermeiſter Daſch war da und ſtrengte ſich vergeblich an, ſein fettglänzendes Geſicht in Trauerfalten zu legen, während er dem Stadtrath, der ge⸗ brochen in der entfernteſten Ecke ſaß, zu beweiſen ſuchte, daß alle Menſchen ſterben müßten. Der Präſident und der Oberſt von Hohen⸗ ſtein ſtanden in einem Fenſter und unterhielten ſich leiſe und ange⸗ legentlich; möglicherweiſe über Peter Schmitz, welcher, der ganzen Geſellſchaft den Rücken zukehrend, an dem andern Fenſter ſtand und leiſe mit den Fingerſpitzen gegen die Scheiben trommelte. Der arme Peter Schmitz war in einer verzweifelten Stimmung. Er hatte es ſchon bitter bereut, daß er nicht ſeiner erſten Regung gefolgt und zu Hauſe geblieben war. Was ſollte er hier unter dieſen Menſchen, die ſich nie einen Deut um ſeine Margareth gekümmert und doch ſo viel dazu beigetragen hatten, daß ihr Leben ſo elend war, wie es war! Und doch ihnen jetzt das Feld räumen, nachdem ſie ihn einmal ge⸗ ſehen hatten, das ging nicht, ſchon ſeiner Damen wegen nicht, die auf ſeinen Schutz angewieſen waren und von denen es ihm wenigſtens ſeine Schweſter Bella nie verziehen haben würde, wenn er ſie in „dieſem Wespenneſt“ allein gelaſſen hätte.
Tante Bella war ſeit dem Morgen, an welchem Margareth ſtarb, auf Wolfgangs Wunſch, beinahe fortwährend in dem Hauſe geweſen und hatte mit ihren ſcharfen Schmitz'ſchen Augen, in welche das Be⸗ wußtſein der Pflicht,„den Kopf oben zu behalten,“ nur dann und wann eine verſtohlene Thräne kommen ließ, überall„nach dem Rechten geſehen.“ Sie hatte, da der Stadtrath in der gänzlichen Apathie, in


