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Achtundzwanzigſtes Capitel.
Ein trüber naßkalter Morgen dämmerte über der verregneten, menſchenleeren Straße. Durch die hohen alten Bäume drüben hinter der Kloſtermauer ſauſte der Wind, daß die Aeſte ſtöhnten und ächzten und die kahlen Zweiglein wie in toller Angſt durcheinander fuhren. Von Zeit zu Zeit entluden ſich die ſchwarzen tiefziehenden Wolken in einem kurzen heftigen Regenguß, der ſeine großen Tropfen klatſchend gegen die Fenſter ſandte.
Wolfgang kam es wie ein Wahnſinn vor, daß er an einem ſolchen Morgen ſeine Mutter begraben ſollte— ſeine ſanfte, zarte Mutter, die den Sonnenſchein geliebt hatte, wie eine freundliche Gottheit, und mit den ſingenden Vögeln, die durch die laubigen Kronen der Bäume ſchlüpften, verkehrt hatte, wie mit ihres Gleichen. Dieſe Bruſt, die nur in der warmen weichen Gartenluft hatte athmen können, ver⸗ ſchließen in das enge Bretterhaus— das Bretterhaus verſenken in die kalte feuchte Erde, auf die der Himmel Fluthen winterlichen Regens herabgießt!—
Wer iſt nun barbariſcher? die Natur, die ihre herrlichſten Ge⸗ bilde mitleidslos der ſchmählichſten Zerſtörung preis giebt? oder der Menſch, der den ſchwarzen Mantel des Todes ſogar noch mit ſchwar⸗ zen Floren und Bändern verbrämt und aufputzt? O Qual! nicht einmal allein ſein zu dürfen mit dem Dämon des Schmerzes! Den Plunder der Geſellſchaft ſchleppen müſſen durch dieſe Augenblicke, wo wir, wenn je, mit dem tiefen Urgrund des Daſeins— mit den Müttern— geheimnißvolle Zwieſprach halten! Elende Menſchheit, die immer an der Oberfläche der Dinge kindiſch haften bleibt, die mit ihren neugierig⸗gleichgültigen Alltagsgeſichtern ſich in die Hallen des Todes drängt, wie in einen Concertſaal, und ſich hier ein wenig Rüh⸗ rung und dort ein wenig Enthuſiasmus holt und das Eine wie das Andere als Nahrung ihrer Eitelkeit verbraucht. O, lieber wollte ich, ich wäre mit der geliebten Leiche allein, ganz allein auf öder Haide!


