iter Banb 241
Tages plötzlich ſtirbt? Er ſagt freilich, er ſterbe noch lange nicht, als ob ſolche gottloſen Reden nicht das Unglück geradewegs herbei⸗ riefen! und als ob nicht alle Schmitz, ſo lange die Familie exiſtirte, eines plötzlichen Todes geſtorben wären! Unſer Großvater iſt inner⸗ halb vierundzwanzig Stunden geſund und todt geweſen, unſer Vater hat noch am Morgen des Tages, an welchem er ſtarb, ſeine Pfeife geraucht; mein Bruder Eugen— ich darf gar nicht daran denken! Und ſo wird mein Bruder Peter auch weggerafft werden, ehe wir's uns verſehen, und was ſoll dann aus uns werden, Wolfgang! Ich bin überzeugt, daß er in dieſem Augenblicke wieder an ein großes Unternehmen denkt, zu dem er Geld aufnehmen muß, denn er hat ja keine Ruhe. Stirbt er nun, bevor ſein neues Uuternehmen ordentlich im Gange iſt, dann kommen die Gläubiger; das Inventar wird ver⸗ kauft, die Meubel werden verkauft, das Haus wird verkauft— und Ottilie und ich müſſen betteln gehen. Ich werde die Noth und das Elend nicht lange überleben— aber Ottilie, das arme, liebe Kind, die Niemand auf der weiten Welt hat: der ſich ihrer annimmt: nicht Vater, nicht Mutter, nicht Onkel oder Tanten, oder Brüder und Schweſtern! Ich wache oft des Nachts vor Schrecken auf, wenn ich ſie im Traum barfuß auf der Landſtraße geſehen habe, und könnte mich dann todtweinen vor Kummer und Herzeleid. Ach, Wolfgang, wer mir die Sorge von der Seele nähme: ich wollte zu ihm, wie zu einem Heiligen, beten!“
„Aber, Tante,“ ſagte Wolfgang,„wie Du Dich nun einmal wieder, nach alter Gewohnheit, unnöthig quälſt! Der Onkel iſt ſo rüſtig, wie je; und geſetzt auch, Deine Unglücksprophezeiung träfe ein— ſo bin ich doch noch immer da; oder giebſt Du mich wirklich ſo ganz verloren, daß Du mir zutrauſt: ich könnte Euch im Unglück verlaſſen?“
Tante Bella trocknete ihre Thränen, die während des letzten Theils ihrer Rede reichlich gefloſſen waren, und ſagte:
„Nein, Wolfgang, ich halte Dich nicht für ſchlecht, ich habe es nie gethan, und zweifle auch an Deinem guten Willen nicht; aber Du wirſt nicht können, wie Du willſt. Die Verwandten Deines Vaters werden es nicht leiden, daß Du Dich unſerer annimmſt; und wenn
Fr. Spielhagen's Werke. VII. 16


