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— Zweſtit Band. 239 muthig die Fülle der leichten braunen Locken rings umher den ſchönen Kopf umſpielte und hier und da den zierlichen Hals bis zu den rund⸗ lichen Schultern herabringelte.
„Und ich habe Dich nur zweimal während der langen Zeit ge⸗
ſehen!“ ſagte er.
„Du biſt ja auch dreiviertel Jahre lang nicht hier geweſen; da iſt es kein Wunder.“ „Ich hätte doch wohl öfter kommen können.“ „Du kannſt es ja nun nachholen.“ „Kann man das Verſäumte nachholen?“ ſagte Wolfgang.„Iſt ein verlorener Tag nicht für die Ewigkeit verloren? Mir fällt das jetzt oft recht ſchwer auf's Herz.“
„Es muß ſich Alles wenden!“ ſagte Ottilie.
„Glaubſt Du?“
„Da kommt die Tante,“ rief Ottilie, ſich ſchnell erhebend und Tante Bella entgegengehend, die mit einem breiten, flachen Korbe, in welchem ſich ihre Stickarbeit für den Abend befand, in das Zim⸗ mer trat.
„Was giebt's?“ fragte Tante Bella mit ſcharfer Stimme.
Tante Bella's Stimme war ſtets ſcharf, ſo lange ſie etwas Un⸗ vekanntem— gleichviel, ob Sache oder Perſon— gegenüberſtand, denn Tante Bella ging von dem Grundſatze eines wachſamen Vor⸗ poſtens aus, daß Alles, was in ihren Geſichtskreis kam, bis es ſich als„Freund“ ausgewieſen, als„Feind“ zu betrachten und demnach zu behandeln ſei. Sie hatte die undeutlichen Umriſſe eines unifor⸗ mirten Menſchen im Fenſter bemerkt. Der uniformirte Menſch war ohne Zweifel ein Polizeiofficiant oder ein Steuerexecutor.
„Ich bin's, Tante!“ ſagte Wolfgang, aus der Fenſterniſche her⸗ 3 austretend.
. Tante Bella ſtieß einen Schrei aus und ließ den Arbeitskorb
fallen. „Dachte ich's doch!“ rief ſie;„ich habe geträumt, das Du heute kommen würdeſt.“ Da aus dem aufgeregten Ton, in welchem die Tante das ſagte,
noch keineswegs mit Sicherheit geſchloſſen werden konnte, ob ſie den


