—
—— —— ——
— 2 eiter Band⸗ 235
gegen Ende des Februar war, zog doch ſchon der warme Hauch des Frühlings durch die Luft; mit faſt ſommerlichen Tönen hatte ſich der ſafranfarbene Himmel geſchmückt, der über die ſpitzen Giebel der gegenüberliegenden Häuſer hereinſchaute. In der Gaſſe war es ſtill — nur von Zeit zu Zeit tönten aus der Ferne die Freudenrufe ſpie⸗ lender Kinder.— Dem jungen Mädchen kamen die Uhland'ſchen Verſe in den Sinn und ſie ſang ſie leiſe vor ſich hin:
„Nun, armes Herze, ſei nicht bang!
Nun muß ſich Alles, Alles wenden!“
„Was ſoll ſich wenden?“ ſprach ſie lächelnd zu ſich ſelbſt.— „Bin ich nicht ſo glücklich, wie ich es damols, als Vater ſtarb, nie wieder im Leben zu werden hoffen konnte. Freilich, der arme Onkel! er hat gewiß ſeine rechte Noth; und daß ich ihm nun auch zur Laſt ſein muß, iſt ſehr ſchlimm; aber was ſoll ich thun? Er wird bei der leiſeſten Andeutung: ich möchte mir mein Brot bei andern Leuten verdienen, ſo bös; ich wage es gar nicht, wieder davon anzufangen; ich muß ſchon ſehen, wie ich mich ihm hier im Hauſe nützlich machen kann.“ „Das alſo würde ſich ſchon wenden! was aber hätte ſich noch ſonſt zu wenden? was iſt jenes geheimnißvolle„Alles,“ von dem das Lied ſpricht? jenes„Alles,“ das die lauen Frühlingslüfte, die ſchaf⸗ fenden, webenden, ſchaffen und weben ſollen? Was iſt es? wo iſt es?
blüht es im fernſten tiefſten Thal? blüht er in ſtiller Heimlichkeit im
eigenen tiefſten Herzen?“
„Doch wohl im Herzen! warum wäre ſonſt das Herz ſo bang? Was willſt Du armes banges Herz?“
„Was willſt Du?“
„Liebe!“
„Und liebſt Du nicht? liebſt Du nicht den herrlichen Mann mit den krauſen grauen Haaren und den ſtrengen Augen, die ſo freundlich lächeln, ſobald ihr Blick auf Dich fällt? Liebſt Du nicht die gute Tante, die mit nimmermüder, rührender Zärtlichkeit für die Ihrigen ſorgt? Liebſt Du nicht die ſanfte kranke blaſſe Frau in der Kloſter⸗ ſtraße ſo, wie Du Deine Mutter geliebt haben würdeſt, wenn ſie Dir


