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Zweiter Band. 225
„Sie ſind außer ſich, lieber Freund,“ ſagte Herr von Degenfeld; „Sie haben gewiß wieder einen Cardinalfehler beim Bataillonsexer⸗ eiren gemacht, oder haben bei Catalini mit den Kameraden Domino ſpielen müſſen.“
„Können Sie noch ſpotten!“
„Im Ernſt, lieber Wolfgang! ich beantworte alle Ihre Fragen mit Ja und Nein, wie Sie ſie auch beantworten, und dennoch muß ich bei meiner Anſicht, daß Sie Ihre Rolle vorläufig noch weiter ſpielen müſſen, beharren. Sie dürfen die Chancen, die ſich Ihnen geboten haben haben, nicht von der Hand weiſen. Ihr Vater iſt aus ſeiner kritiſchen Lage noch immer nicht befreit; er hat mir das geſtern ſelbſt geſtanden; Ihre Mutter, dieſer Engel von Frau, iſt krank und bedarf der Schonung mehr als je; Ihr Großonkel kann nicht ewig leben und— ich geſtehe ganz offen, daß ich Ihren Verwandten das große Vermögen nicht gönne. Und dann— was, wie Sie wiſſen, in meinen Augen die Hauptſache iſt: Sie ſind Ihrer Partei ſchuldig, daß Sie die Handhabe, die Sie einmal in der Hand haben, auch in der Hand behalten; Sie können uns ein gut Theil wichtiger werden, als Ihre Philoſophie ſich dieſen Augenblick vielleicht träumen läßt, lieber Wolfgang.“
„Und iſt das nun Ihr Ernſt?“
„Mein vollkommener; Napoleon war, als er in Ihren Jahren war, auch nicht mehr als ein ſimpler Lieutenant.“
„Aber er war doch immer Napoleon.“
„Den brauchen wir gar nicht. Wir brauchen nur einen Mann mit etwas von dem militairiſchen Genie allerdings, das der Corſe hatte und mit der ganzen heiligen Begeiſterung für die Freiheit, die der nicht hatte. Wer ſagt Ihnen, daß Sie nicht dieſer Mann ſind? Welchen Grund haben Sie, an ſich zu verzweifeln? Haben Sie kein Talent? ich ſage Ihnen: Sie haben Talent, denn Sie haben einen raſchen Blick, ein ſchnelles und ſicheres Urtheil und phyſiſchen Muth, ohne die Gefahr der Gefahr wegen zu ſuchen, und das ſind die Ingredienzen des militairiſchen Talentes. Und was Ihre Jugend anbetrifft, ſo lebt man erſtens in Tagen, wie die unſrigen ſind, ſehr
Fr. Spielhagen's Werke. VIII. 15


