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Zweiter Band. 207
ſchlanken Mädchen mit den tiefblauen, ernſten, liebevollen Augen, das ihm wie eine große, ſchöne, lang entbehrte Schweſter, ſo vertraut und doch auch wieder ſo fremd, entgegengetreten war und das er ge⸗ wiß ſo herzlich lieb hatte, wie nur ein Bruder ſeine Schweſter lieb haben kann. Es kam ihm wie ein Wahnſinn vor, daß er während der Wochen, die er wieder in ſeiner Vaterſtadt war, das Haus in der Ufergaſſe ſcheu gemieden hatte, als wäre er ein Verbannter, ein Aus⸗ geſtoßener, der die Schwelle des Tempels ſeiner Heimathgötter nicht zu überſchreiten wagen darf. Wäre er doch gegangen, wie es die Mutter wünſchte, wie ſein eigen Herz es ihm gebot! man hätte ihn ſicher freundlicher empfangen, als in jenem andern Hauſe an dem Gouvernements-Platz, wo ihn die Oede aus jedem Geſicht und aus jedem Prunkmöbel anſtarrte! wäre er doch gegangen! er hätte dort ſicher Troſt und Labung gefunden in dem Fieber des Zweifels und der Reue, das ihn verzehrte;— er hätte heute Nacht dem Onkel ganz anders unter die Augen treten können; er hätte mit ruhigerem Gewiſſen die Worte hören können:„Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen.“
So trieben und ſtürmten die Gedanken durch Wolfgangs Seele wie die Wolken hoch über ihm an dem nächtlichen Himmel trieben und ſtürmten. Das langgezogene„Raus!“ des Poſtens vor dem Gewehre riß ihn aus ſeinem Sinnen und erinnerte ihn wieder an ſeine leichten Pflichten, die ſo centnerſchwer auf ihm laſteten.
„Ablöſung vor!“
„Wann wird für mich die Stunde ſchlagen, die mich mir ſelbſt zurück giebt; die Stunde der Erlöſung aus dieſem elenden Joch?“
„Nicht eher, als bis ich ſelbſt ſie rufe. Das Schickſal macht aus uns, was wir ſelber aus uns machen!“


